Sehen
Philosophische Betrachtungen
Da waren so viele Leiber.
Nackte Leiber.
Der ganze Strand bestand aus nichts anderem
als aus nackten Leibern
und deren Habseligkeiten.
Badetücher, Taschen,
Sonnenschirme
und dergleichen.
Da waren soviele nackte Frauen,
junge und ältere.
Auch ganz alte waren darunter.
Da waren natürlich auch deren Männer,
aber ich versuchte ihren Ansichten auszuweichen.
Es klappte jedoch nur so leidlich.
Da waren so einige Frauen – nackte Frauen –,
die ich faszinierend schön fand.
Diese habe ich mir besonders angesehen.
Besonders gern.
Da war eine, die hatte einen traumhaft schönen Körper.
Ihr Gesicht war weniger schön,
aber ihr Körper war makellos.
So voll, so weiblich,
so schlank.
Angezogen wäre sie mir bestimmt nicht aufgefallen.
Wegen ihres wenig schönen Gesichtes.
Aber so…
Da war eine schon in die Jahre gekommene Frau,
die war dicklich und eher klein,
aber sie hatte einen Körper der mich faszinierte.
Das dickliche an ihr war zwar ordentlich ausgeprägt,
aber wohlproportioniert,
wie man so schön sagt.
Alles an der richtigen Stelle.
Also nichts „Ausgelatschtes“,
wie man auch so schön sagt.
Und große Brüste, die nicht herunterhingen,
sondern geradezu strotzten vor Gesundheit.
Dazu hatte sie noch ein sehr hübsches Gesicht.
Alles in allem war sie wohl die schönste Frau hier am Nacktbadestrand,
die ich gesehen habe.
Es ist schon seltsam,
welch ein Unterschied es macht,
Menschen bekleidet zu sehen,
und Menschen, die nackt sind.
Und die Nackten tun alle so,
als wäre es das normalste und natürlichste von der Welt.
Tut es aber nicht.
Irgendwie schauen alle aus ihren verstohlenen Winkeln
die anderen an.
Mehr oder weniger.
Die, die überhaupt nicht interessiert sind an anderen Menschen –
ob nackt oder bekleidet,
die fallen hierbei durch´s Raster.
Die gibt´s überall.
Das sind arme uninteressierte Ignoranten.
Wie soll ich sie anders nennen?
Menschen, die sich nicht für andere Menschen interessieren,
die nur Interesse für sich und ihre eigenen Belange haben,
sind für mich die Luschen beim menschlichen Miteinander.
Aber die anderen Nackten,
die Interessierten,
die tun halt so,
als würde hier alles normal zugehen.
Doch die verstohlenen Blicke machen es deutlich.
Man braucht nur aufmerksam und etwas näher hinsehen:
Es wird taxiert. Es wird verglichen.
Es wird sich geweidet an erotischen lebenden Bildern.
Es kommt Begehren auf.
Man heizt sich erotisch und sexuell auf.
Aber keiner gibt´s zu.
Alle machen auf normal und natürlich.
Nacktheit – das natürlichste von der Welt.
Eben nicht.
Jahrtausende alte menschliche Kultur hat uns dies nicht gelehrt.
Geschweige denn erhalten.
Ja, denn vor Urzeiten war es wohl natürlich.
– Es ist für mich schön,
sich die Menschen nackt anzuschauen
und zu sehen,
zu spüren,
was es in mir auslöst.
Es inspiriert mich,
ich komme ins philosophieren,
ich denke nach – über vieles dabei.
Aber ich lasse mir nichts vormachen –
von wegen „es ist völlig normal, nackt zu sein“.
Ob am Nacktbadestrand,
in der Sauna,
oder sonstwo,
wo öffentliche Nacktheit angesagt ist,
sich nackt zu zeigen unter Fremden,
ist nicht das „normalste von der Welt“.
Beileibe nicht.