Sehen
Rasierwasser in der Nase
Eine kleine Wolke
verfolgt mich
aus dem Saal.
Sie wabert um meine Nase,
penetrant,
und sie ruft :
Wer bin ich?
Ja wer bist du? Du bist so anders,
so prickelnd.
So dicke große Duftpartikel,
nicht wie die zarten gelben Blüten
meines eigenen Parfüms.
Die Wolke folgt mir.
In die Trambahn.
Den Bahnsteig entlang.
Die Treppe hinunter.
In die U- Bahn.
Sie ist mir fremd, irritiert mich.
Ihre Existenz ist noch nicht
in meinem Bewusstsein angekommen.
Nur in meiner Nase treibt sie ihr Unwesen.
So wie sich immer wieder Gerüche
in der Nase melden,
deren Herkunft man nicht erklären kann.
Nicht immer sind sie angenehm.
Manchmal sind sie regelrecht ekelhaft,
fast wie Verwesung.
Liegt irgendwo etwas Verfaulendes?
Oder hat meine Nase eine Erinnerung,
die sie manchmal unverhofft auftischt?
Sie können aber auch wunderschön sein.
Gerüche nach Meer und nach Kindheit.
Von einer Sekunde auf die andere
werden sie erweckt,
und wenn man sich nicht sofort die Zeit nimmt,
sie einzusaugen und zu genießen,
sind sie wieder verschwunden.
Der heutige Duft ist angenehm,
er ist sogar vielversprechend,
er ist neu.
Und er bleibt, auch solange ich ihn nicht weiter beachte.
Erst als ich meine Wohnung betrete,
offenbart sich das Prickeln in meiner Nase.
Es ist der Duft eines Mannes
namens Richard.
Er hat mit mir getanzt.
Er hat mich an sich gedrückt,
an seinen Hals,
an seinen Oberkörper.
Und er hat mir leise gesagt,
wie schön das ist,
eine Frau im Arm zu haben,
so nah.
Und ich sage aus vollem Herzen
oh ja der Körperkontakt beim Tanzen
ist so wunderbar und herrlich
und das alles ohne Action.
Und er wispert in mein Ohr:
die Action kommt später
und ich stöhne beim Gedanken
an sexuelle Anstrengungen,
und er hält inne auf der Tanzfläche
und schaut mich an:
Magst du keine Action?
fragt er
und ich stammele - nichts.
In diesem Moment kann nichts kann größer sein
als der wiegende Körperkontakt zu Musik.
Aber genauso gehört genau das zum Tanz,
die Versuchung namens Mann,
das Zögern der Frau,
das sich steigern von Mal zu Mal,
das nicht wissen und Abwägen
und vielleicht irgendwann erliegen.
Aber vielleicht auch nicht.
Ich liege in meinem Bett
mit dem Duft dieses Mannes,
seinem Begehren,
seiner Aufmerksamkeit,
seinem mich zum Leben Erwecken,
ich sauge das Prickeln
ganz tief in mich ein.