Sehen

Reha

Claudia Carl

Die Teller fliegen auf den Tisch.
Menü A, Menü B, Menü A.

Die Bedienung lacht
und macht ihre altersgerechten Scherze.

Ist es nicht fantastisch,
hier zu sein?

7 Uhr, 11.30 Uhr, 17.30 Uhr.

Die Türen gehen auf.
Auf Krücken bewegt sich die Masse ins Paradies.

Einfach nur hinsetzen
und der Schweinebraten – halbe oder ganze Portion –
wird vor einen gestellt.

Die Gaby sitzt auch wieder da
und die Uschi.

Die Zeugin Jehovas,
die so gerne Gedichte auf die Tischgesellschaft schreibt
und zum Essen vorliest.

Die jammernde Margit,
die ihren Therapieplan hundert Mal am Tag vorbetet.

Der Mann am Nachbartisch,
der in seinem Zimmer geraucht hat
und nun eine saftige Rechnung bekommt.

Die Türkin, die im Eintopf versehentlich Schweinefleisch mitgegessen hat.

Die verrückten Geschichten der Mitinsassen.

Die 85-Jährige ist mit der Leiter umgefallen,
als sie am Kirschbaum stand.

Die Gaby ist bei Glatteis auf die Schulter gestürzt.

Die Anna ist am Tag vor ihrem Geburtstag
in die selbstgebackene Mandarinentorte gefallen.

Die Hermine saß nach ihrer Knieverletzung
vier Stunden lang auf dem Klo
und konnte nicht aufstehen.

Das Essen schmeckt gut.
Es ist vielfältig.
Es ist Hausmannskost.

Es ist wie früher, wenn man aus der Schule heimkam
und von Mutter den Teller hingestellt bekam.

Alles geht wie von selbst.
Es ist Luxus.

Wie können manche immer nur meckern.
So gut hat man’s doch sonst nie.

Und plötzlich der Schreck.

Man ist schon 13 Tage da,
und das Leben hat seine Kontur verloren.

Das Licht im Speisesaal blendet,
alles läuft,
ohne dass man etwas dazu tun muss.

So schön bequem. So schön einfach.

Drei Uhrzeiten im Kopf
und in der Tasche den Plan:

10.30 Uhr Gangschule,
Wartezone 2.

11 Uhr Lymphdrainage
Wartezone 3.

13.30 Uhr Physiotherapie,
Wartezone 4.

Rein in den Lift, raus aus dem Lift,
guten Morgen,
guten Tag.

Die soziale Kontrolle blüht.

Da haben doch welche beim Frühstücksbüffet
Marmeladenpackungen eingesteckt,
ganz viele in eine Tüte.

Sie wurden verwarnt,
nach weiteren Vorfällen entlassen aus dem Paradies.

Jemand hat eine Tüte vom Bäcker
mit an den Essenstisch gebracht.

Verboten verboten verboten.

Man darf nicht nur nichts mitnehmen,
man darf auch nichts mitbringen.

Jemand hat eine Tasse
auf einem Tisch im Foyer stehenlassen.

Eine Servicekraft läuft durch den ganzen Saal
hinter der Krückenperson her.

Bitte das nächste Mal die Tasse wegräumen.

Bitte an der Rezeption nicht vor 7.15 Uhr stehenbleiben,
bitte am Schwesternzimmer nicht klopfen zwischen 13 und 16 Uhr.

Wer sich das alles merkt,
kann sein Gehirn ausschalten im Paradies
und sagen:
Ja, Verlängerung.

Eine Woche, zwei Wochen,
drei Wochen,
drei Jahre.

So lange wie Hans Castorp einst im „Zauberberg“
im Davoser Lungensanatorium verweilte.

Und als er rauskam,
war Krieg.

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