Sehen
Rosa
Sie war aus dem Rahmen gefallen.
Exzentrisch.
Nicht zentrisch.
Eine Außenseiterin.
Von weitem konnte man sehen,
daß da eine Frau daherkommt,
die nicht gewöhnlich,
also außergewöhnlich ist.
Ihr Gesicht war nicht hübsch,
hatte aber etwas,
was einen anzog.
Es lag so etwas Herausforderndes darin,
und etwas,
das einem sagte:
„Komm her, ich bin einverstanden!“.
Ihre Statur war nicht groß –
sie mochte etwa 1,60 Meter groß gewesen sein.
Und sie war auch nicht schlank,
nein,
im Gegenteil,
sie war schon in Richtung übergewichtig vorgeschritten –,
und es konnte noch dicker kommen.
Aber das störte sie nicht im Geringsten.
Sie bekam alles
was immer sie begehrte.
Und sie begehrte nicht wenig.
Natürlich waren es mehr Männer als Frauen,
aber auch Frauen liebte sie,
und Frauen liebten auch sie.
Sie hieß Rosa.
Was aber war so besonders an ihr?
Ich hatte damals eine Freundin
die viel mit Rosa verkehrte,
da sie zu dieser Zeit
die beste Freundin von Rosa war –,
und sie verriet mir
eines der Rätsel,
die sich um Rosa rankten.
Ja, es gab derer mehrere.
Meine Freundin Karin verriet mir folgendes.
Wann immer Rosa das Begehren verspürte,
einen Mann zu verführen
und zu sich nach Hause zu nehmen,
schaute sie sich den Betroffenen
immer wieder von der Seite an –
bis er diese Taxierung
selbst bemerkte.
In der zweiten Phase ihrer Anmache
sah sie ihn dann direkt
in seine Augen
und hielt den Blick des Mannes,
der meist erstaunt war,
daß ihn eine Frau
so eindringlich fest
und beharrlich anschaute,
stand.
Und die dritte Phase,
die fast immer von Erfolg gekrönt war,
sah so aus,
daß sie von diesem beharrlichen Blick
eine leichte aber zügige Drehbewegung
mit ihrem Kopf nach links
in Richtung über ihre Schulter tat,
doch ihre Augen fixierten dabei weiterhin
die des Mannes.
Klar, interpretierten die Männer diese Geste einwandfrei
als „Aufforderung zum Tanz“ –
eine Einladung
mit ihr sexuell zu verkehren.
Und tatsächlich war es auch so.
Sie hatte Spaß daran
eine solche Macht über die Männer zu besitzen,
trotzdem sie nicht zu den üblichen angebeteten Schönen zählte.
Und diese Schönen hatten unterm Strich gesehen
keineswegs einen solchen Erfolg bei Männern.
Bei Frauen übrigens,
wandte sie eine andere Strategie an,
aber das verrate ich ein anders Mal.
Rosa nahm ausnahmslos alle diese Eingefangenen
zu sich mit nach Hause.
Niemals ging sie mit einem Mann zu ihm.
Und bei ihr Zuhause –
das versicherte mir meine Freundin auch –,
machte Rosa im Verlauf der Liebesnacht
heimliche Fotos von den Männern,
wenn sie nackt waren.
Wie sie das genau machte –
ja, es war eine Art Versteckte-Kamera-Konstruktion –,
konnte mir meine Freundin nicht sagen.
Rosa hatte es ihr mal geschildert,
aber sie konnte es mir nicht richtig wiedererzählen.
Ihr könnt euch vorstellen,
daß auch ich darauf brannte,
von Rosa mal „eingefangen“ zu werden.
Aber sooft ich sie in öffentlichen Lokalen,
oder auf privaten Partys auch getroffen habe –
mich hat sie leider,
leider nicht,
einfangen wollen…