Sehen
Sätze, die etwas in Gang bringen
Es gibt diese Sätze,
die einem eine Geschichte aufdrängen.
Wie zum Beispiel
„Ich habe von all dem nichts geahnt.“
Oder
„Meine Sehnsucht nach Dir ist nicht in Worte zu fassen.“
–, „Wenn ich da jetzt reingehe,
weiß ich genau was mich erwartet.“
– oder:
„Das war ein guter Fick!“
– Beim hören solcher Sätze,
kann man die Augen schließen
und es beginnt eine Situation
die zu einer Geschichte führt
–, je nach Phantasie
oder Interesse.
Meine Phantasie ist sehr ausgeprägt
und buntfarbig
und nicht selten außergewöhnlich.
Vorgestern sprach ich auf der Straße
mit einer alten Dame
die mich nach dem Weg fragte.
Im Verlauf unserer zwanglosen Unterhaltung,
ließ sie einen Satz fallen,
der mir eine bemerkenswerte Geschichte einflüsterte:
„Ach wissen Sie,
in meinem Alter
sind mir meine erotischen Phantasien
ein willkommener Schatz
der mich mehr beglückt
als die schönsten Träume es vermöchten,
denn ich kann daraus schöpfen
– für Geist und Taten.“
Ach je, dachte ich zunächst,
ein netter Gedanke eigentlich,
die Dame ist noch gut dabei.
Aber dann vertiefte ich mich intensiver
in diese,
ihre Aussage,
und insbesondere klang mir der Schluß
so sehr nach:
„…denn ich kann daraus schöpfen
– für Geist und Taten…“
Mir kamen sogleich Gedanken auf,
die sich um erotische Phantasien drehten,
und ich stellte mir vor,
daß sie sich dabei vorstellte
mit schönen jungen Männern Sex zu haben
–, ja, und sich dabei zu befriedigen,
mit den Fingern,
oder mit einem passenden Gegenstand
wie zum Beispiel
einem runden Bürstenstiel.
Oder gar… mit einem batteriebetriebenen Vibrator?
– Also DAS entspräche der Aussage
„…für Geist und Taten“.
Oder sind meine Gedanken dazu
einfach zu banal?
Zu abgeschmackt,
hinsichtlich des äußeren Erscheinungsbildes
dieser eleganten alten Dame?
Ja, sie war sogar eine sehr elegante alte Dame.
Sie hatte einen gewissen
– eigenen
– Stil,
der sich gar nicht gut beschreiben läßt.
So in Richtung 20er Jahre
des zwanzigsten Jahrhunderts.
Und aus dieser Zeit
schien sie mir auch gefallen zu sein.
Plumps.
Und vor mir stand sie
– diese Dame,
die weiterhin als Schönheit gelten durfte,
obschon sie mit Sicherheit
die 70 längst überschritten hat.
–
Wir plauderten dann noch
über belangloses Zeug
und sie zeigte dabei beständig
ihr so aufforderndes Lächeln
das mich betörte,
und ich wollte sie schon einladen
in ein Café,
das gleich um die Ecke erreichbar war,
aber sie winkte schon einem Taxi,
stieg mit einem fast jugendlichen Schwung ein,
und machte mir zum Abschied noch
einen Kußmund
der mich verzauberte.
–
Ja, diese schöne,
elegante alte Dame
hat mich verzaubert.
Und ihr so locker fallengelassener Satz,
der mir im Nachgang
eine phantastische Geschichte
in meinem Kopf hat entstehen lassen,
fesselte meine eigenen erotischen Phantasien
in überraschender Weise:
Diese höchst erotische Geschichte
handelte von eben dieser eleganten schönen Dame
– in den 20ern des vorigen Jahrhunderts
– zusammen mit mir.