Sehen
Schleier aus blauem Blei
Kommen wir heute zu einem Gedicht,
das gewissermaßen symbolisch
für eine gewisse Form
der deutschen Literaturtradition steht.
Und sie ist einerseits sehr verstörend,
teilweise sehr schwer nachzuvollziehen
in ihren Bildern,
aber trotzdem von einer sprachlichen Raffinesse,
die diese Zeilen sehr interessant
und spannend machen.
Und es ist keine Art von Gedichten,
die man konsumiert
und dann die nächste Seite aufschlägt,
sondern es ist eine Lyrik,
die immer wieder zur Auseinandersetzung herausfordert,
weil die Zeilen sich ineinander verhakeln,
miteinander kämpfen
und dann sich auflösen.
Es bleibt teilweise eine gewisse Ratlosigkeit da.
Andererseits merkt man aber
die intellektuelle Schichtung,
die vorhanden ist.
Es ist nicht nur behauptet,
sondern sie ist da.
Aber es ist wie ein gedankliches Labyrinth,
durch das man irrt –
und man weiß,
dieses Labyrinth ist tatsächlich existent.
Aber man versucht zu begreifen
den Sinn dahinter,
der sich immer wieder bricht,
so wie ein Spiegel,
der in tausend Teile zerfallen ist
und man sein eigenes Spiegelbild erahnt
und trotzdem wird es nicht korrekt wiedergegeben.
Um Ihnen mit ein paar Zeilen zu demonstrieren,
was ich meine:
„Peitschend reißt nieder Licht,
Schleier aus blauem Blei."
Also hier kämpft Licht
mit einem Schleier,
der aus blauem Blei besteht.
Hier sind mehrere Bilder miteinander verknüpft,
die sich einander widersprechen.
Also ein Schleier ist ja etwas,
was sehr leicht ist.
Blei ist etwas,
was sehr schwer ist.
Also ein Schleier, der bleiern ist
und der wiederum von Licht niedergerissen wird,
peitschend.
Man kennt vielleicht diese Lichtschwerter
aus Star Wars,
die miteinander kämpfen.
Vielleicht muss man sich das so hier vorstellen –
vielleicht ist das sozusagen ein Bild
oder eine Metapher,
die eher märchenhaft-science-fiction-artig gemeint ist.
„Und die dämmen meine Flammen
und verwehen die Bäumenängste,
zu blühen blind im Nebel,
in fallend Laub."
Das ist sprachlich hart an der Grenze dessen,
was man machen kann als Autor,
kurz bevor man ins literarische Koma fällt.
Es gibt Autoren, die vielleicht noch krasser drauf sind –
wenn man zum Beispiel einen Papenfuß-Gorek nimmt,
der aber die Worte als solches zertrümmert.
Hier ist es ja eher ein Puzzlespiel
an Begriffen und Worten,
das falsch zusammengesetzt wurde
und doch ein Bild ergibt –
das aber nicht wirklich das ist,
was real vorhanden ist.
Und doch ist es vorhanden.
Und ich kann Ihnen nur raten:
lesen Sie sich dieses Gedicht einmal durch.
Es ist wirklich störrisch,
es ist verstörend.
Und am Anfang denkt man vielleicht:
ist das Kunst
oder kann das weg?
Ja, wie diese eine Reinemachefrau,
die dann ein Kunstwerk
in den Mülleimer wirft.
Und vielleicht ist es hier ähnlich.
Es ist etwas,
wo Sie denken:
was sind denn das für Zeilen?
Aber sie lassen einen nicht los.
Man kommt immer wieder darauf zurück
und es beschäftigt einen,
weil es irgendwo in der Seele
eine Ebene anspricht,
zu der man nur schwer Zugang hat.
Und das ist vielleicht,
was uns der Autor hier mitteilen möchte:
versuche einmal,
die entlegensten Winkel deines Gehirns zu erreichen –
und sie zu akzeptieren,
ohne zu verurteilen.