Sehen
Schöne Aussicht
Kabine 12 ist nicht gerade die gemütlichste.
An einem Haken an der Wand ein langer Schuhlöffel,
wie ihn Hüftoperierte brauchen.
Zwei leere Kleiderbügel,
eine blaue Liege.
Durch das Fenster im Erdgeschoss sieht man den großen Turm des alten Altenheims.
Ja, es stammt sicher aus dem vorherigen Jahrhundert,
ist ein riesiger Bau,
der eine ganze Kreuzung am Mittleren Ring einnimmt.
Unter dem Turm die Fensterreihen,
hinter denen sich das triste Leben der Bewohner abspielt.
Die altmodischen Heizungsrohre sind kalt,
für die Uhrzeit habe ich kein Gefühl.
Der Schneeregen vor den hellen Wänden des Altenheims lässt einen noch mehr erschauern.
Ich warte auf Frau G.,
die im Plan eingeschriebene Therapeutin.
Um die Ecke vom Altersheimeingang befindet sich der zum Rehasportzentrum.
Hier gibt es Physio-Kabinen,
Schwimmbecken und Gymnastikhallen.
Ich warte und frage mich,
wie die Behandlung wohl sein wird,
da erscheint endlich die nette Frau G..
Heute steht Lymphdrainage auf meinem Rezept,
eine mir völlig neue Angelegenheit.
Ich vermute, dass rund um die Operationsnarbe herumgedrückt wird,
um eventuelle Stauungen in Gang zu bringen.
Frau G. fragt: „Können Sie die Hose denn für die Lymphdrainage ausziehen?“
Na klar, auf jeden Fall etwas runterziehen.
Frau G. holt eine Art Keil aus dem Nebenzimmer,
auf den ich gemütlich meine Beine ablegen kann.
Dann fängt sie an, mich zu streicheln.
So jedenfalls fühlt es sich an,
als sie an meiner linken Hüfte beginnt,
ihre Hände sanft über meine Haut zu bewegen.
Langsam und ebenso sanft bewegt sie sich auf meinen nackten Bauch – meinen Rock hat sie hochgeschoben –
und streichelt einfach wunderbar und sanft über mein entspanntes Fett.
Es dauert ziemlich lange,
bis sie bei der rechten,
operierten Hüfte ankommt.
Bis dahin hatte ich schon längst vergessen,
dass ich ja vermutlich wegen dieser hier bin.
Dann streichelt sie weiter,
auf dem Oberschenkel,
um die Narbe herum,
weiter oben.
Tatsächlich fühlt es sich so an,
als würden Stauungen in Gang gebracht.
Die ganze Zeit fühle ich meinen Slip daliegen,
vor ihren Augen.
Ich spüre quasi die schwarze Spitze an seinem Rand,
ich spüre den weichen Baumwollstoff auf meinen Schamlippen.
Ich bin sozusagen nackt bis auf den Slip.
Die liebe Frau G., die die ganze Zeit netten Smalltalk macht,
über den Schneeregen und meine Hobbies,
nimmt das aber natürlich gar nicht zur Kenntnis,
und überschreitet auch keine Spitzenbordürengrenze.
Nur meine Gedanken sind schon ganz woanders.
Beim kommenden Montag und allen weiteren Lymphdrainageterminen,
die ich schon auf einem Zettel bekommen habe.
Da steht nämlich als Therapeut ein HERR.
Welche Wirkung werden dessen Hände wohl auf meine Stauungen haben?