Sehen
Schwimmer
Ich schwimme gegen den Strom.
Ich mag vieles,
was die meisten nicht mögen.
Ich habe einen Abscheu
von so manchem,
was die meisten toll finden.
Auf vielen Gebieten.
Auch auf dem Gebiet
der Sexualität,
der Erotik,
der Liebe.
Ja, Liebe. Die meisten,
so würde ich sagen,
sehen die Liebe nicht so an,
wie sie in Wahrheit sein sollte.
Liebe. Einen anderen Menschen
so lieben,
wie sich selbst.
Hingabe. Sich selbst dabei vergessend,
nur den geliebten Menschen betrachtend
und ihm alles von sich gebend.
Liebe. Wie eine Mutter zu ihrem Kind,
so stark.
Erotik. Ja, Erotik wird meist gleichgestellt
mit Bildern von hübschen jungen Frauen,
die sich leichtbekleidet oder nackt darstellen,
oder dargestellt werden.
Erotikmagazine. Erotische Ausstrahlung,
sich sexy zeigen und geben.
Modern sein, dabei.
Dem aktuellen Zeitgeist gemäß
sich all dem,
was gerade unter Erotik verstanden
und propagiert wird,
einzureihen und mitzumachen.
Hochglanzbilder, Hochglanzfilmchen.
Das soll Erotik sein.
Für mich nicht. Erotik ist ein Mysterium.
Es kann ein Lächeln sein,
das eine ältere Frau
einem jungen Mann schenkt –,
ihr Augenzwinkern in seine Richtung
das er lächelnd erwidert.
Eine stille Beobachtung eines Mannes,
in Richtung einer Frau
die im Fluß badet.
Ein Blick durchs Schlüsselloch eines Jungen,
der seine Tante
beim Entkleiden beobachtet.
Das eincremen eines Frauenrückens
mit Sonnencreme,
am Mittelmeerstrand –;
nachdem die Frau
den fremden Mann darum gebeten hat
und sich die Träger ihres Oberteils dazu
heruntergezogen hält.
Die Vereinbarung eines verliebten Paares
zum ersten Rendezvous,
mit den Bildern
die beiden dazu im Kopf schwirren.
Und Unzähliges mehr… –
Sexualität. Sex.
Ja, das ist ein ebenso trauriges Bild
in der Realität
das mich dazu trostlos draufschauen
und dastehen läßt.
Sex scheint eine Ware zu sein.
Ein modernes Etwas,
das vermarktet,
propagiert,
zum Konsum aufgefordert,
und genossen wird,
wie das kühle Bier abends zum Fernsehen.
Es gibt dieses „Produkt Sex“
in vielfachen Varianten –;
so wie es viele Bier- Wein-
und sonstige Genuß-Sorten gibt.
Wer es soft mag, darf Soft-Sex konsumieren,
wer es stärker mag,
konsumiert Pornos
oder gar etwas aus dem BDSM-Bereich.
Und auch hier gibt´s Bereiche
von Hochglanz-Kitsch,
bis Geht-nicht-mehr.
– Nichts davon hat etwas mit dem zu tun,
was zwei Liebende zusammenbringt.
Nicht beim Sex, nicht in der Erotik
und schon gar nicht,
was Liebe zwischen zwei Menschen betrifft.
– Aber ich schwimme nicht allein.
Gegen den Strom schwimmen viele.
Wir sind viele.
Gesamtprozentual zwar nur eine kleine Minderheit,
aber es dürften mehr werden.
Wenn die Stromlinienschwimmer mehr nachdenken,
wenn sie den allgegenwärtigen Fake durchschauen.
Oder wird doch alles so bleiben?