Sehen
Sechster Brief an Tobias
Lieber Tobias,
Tag oder Nacht,
hell oder dunkel,
gut oder böse,
was fasziniert mehr?
Ich weiß,
das Happy End ist im Kino
die angesagteste Variante,
aber glaube mir,
wir Frauen finden den Bösewicht
doch interessanter
und ziehen ihn dem strahlenden Helden
in Wirklichkeit vor.
Und so ist es auch mit dir
und meinem Mann,
mein lieber Tobias.
Ich finde es schön,
dass du mir so liebreizende Zeilen schreibst
und immer wieder versuchst,
mich aufs Galanteste zu umgarnen,
während mein Mann grässlich ist.
Du kannst dir gar nicht vorstellen,
er ist so dreist,
dass er mir von seinen Affären erzählt
und mir sogar noch ankündigt,
welche folgen wird.
Das heißt,
er erzählt mir,
welche Frau er zu verführen gedenkt.
Ist das nicht eine unverfrorene Frechheit,
eine bodenlose Unverschämtheit?
Und trotzdem,
ich muss es dir sagen,
tut mir leid,
ich kann es nicht anders,
aber es amüsiert mich.
Mich amüsiert mein Mann mehr,
als du es mit deinen lieben Zeilen schaffst.
Und darum,
ich gebe dir einfach wirklich einen Rat
von einer guten Freundin
und ich hoffe,
dass du ihn annimmst,
mein Lieber.
Such dir eine Frau,
die besser zu dir passt.
Such dir eine Frau,
die begeistert ist
von diesen schönen, lyrischen Zeilen,
die du schreibst.
Es warten draußen tausende von Frauen auf dich,
die dir zu Füßen liegen würden,
würdest du ihnen solche Liebesbriefe schreiben,
wie du sie an mich verfasst.
Ich kann dich nur warnen,
gib auf.
Sieh es ein.
Mein Mann ist in seiner Brutalität
für mich halt interessanter.
Auch wenn es mich schmerzt,
dass er als solcher brutal ist.
Und glaube mir,
selbst bei Gleichgültigkeit
ist es nicht schön,
sich so etwas anzuhören.
Nicht, weil es mich eifersüchtig machen würde,
aber weil es eine Ungehörigkeit an sich ist.
Es ist die Flegelhaftigkeit eines Mannes an sich,
der mir Schmerzen bereitet,
nicht die Tat als solche.
Mein Gott,
damit kann ich leben.
Darum bitte ich dich.
Höre auf,
mir solche schönen Zeilen zu schreiben.
Sie lassen mich kalt,
sie berühren mich nicht.
Und du hast einfach eine bessere Frau verdient
als mich.
Meine Ehe ist zwar lieblos,
aber sie funktioniert
durch diesen gemeinsam gelebten Zynismus,
den wir beide
auf unsere eigene Art und Weise zelebrieren.
Ich wünsche dir einen guten Tag,
deine Loretta.