Sehen

Sechsunddreißigster Brief an Tobias

Loretta Baum

Lieber Tobias,

es ist Sonntagnachmittag
und Zeit dafür,
ein bisschen Wäsche
zu reparieren.

Vielleicht wird es dich verwundern,
aber ich bin jemand,
der nicht einfach
einen Pullover wegschmeißt,
nur weil er ein Loch
oder eine aufgetrennte Naht hat.

In diesem Punkt bin ich
ganz bei Anton,
der ebenfalls lieber etwas repariert,
als es wegschmeißt.

Ich glaube, das kommt von seiner Einstellung
als Philosoph,
dass ihm so ein leichtfertiges Verhalten
zuwider ist.

Meins ist eher aus pragmatischen Gründen
denn aus philosophischer Grundüberzeugung
geschuldet.

Allerdings ist es so,
dass er das Reparieren
von Unterwäsche,
Strümpfen
oder einem Pullover
eher dann doch lieber mir überlässt,
weil das erstens Frauenarbeit sei
und ich es zweitens besser kann.

So sitze ich also und mache mit Nadel und Faden
den Pullover von Anton
wieder heil.

Es ist sein Lieblingspullover,
gelb mit roten Streifen.

Ich weiß nicht wieso,
interessanterweise steht er ihm
und mir ist entfallen,
woher er ihn her hat.

Er tauchte plötzlich auf
und jetzt ist an der Seite
die Naht kaputt.

Und Stück für Stück
repariere ich sie.

Und dann kommt mir dabei
in den Sinn beim Reparieren,
dass deine Krankheit,
an der du ja angeblich sterben könntest,
vielleicht nur vorgetäuscht ist.

Vielleicht möchtest du damit
einen emotionalen Zugang zu mir erreichen,
der dir mit deinen Briefen
bislang nicht glückte.

Das heißt, du könntest ganz einfach gesunden,
weil du gar nicht krank bist.

Im Gegensatz zu diesem Pullover,
den ich reparieren muss
und mir nichts weiter übrig bleibt,
als zu Nadel und Faden zu greifen,
während du keinerlei Therapie bräuchtest,
weil du gar nicht krank bist.

Ich habe ja nie erlebt,
dass du vor mir
sterbenskrank gehustet hast.

Ich kenne es nur aus deinen Erzählungen.

Das gibt mir doch ein bisschen zu denken.

Und vielleicht solltest du dich dazu
auch einmal äußern
und erklären,
was es denn jetzt ist.

Krankheit oder nicht.

Wie dem auch sei, es kann ja tatsächlich sein,
dass du sterbenskrank
im Bettchen liegst.

So wünsche ich dir eine gute Genesung,
egal ob real oder eingebildet,
und hoffe,
dass ich bald von dir hören kann,
deine Loretta.

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