Sehen
Sechsundfünfzigster Brief an Tobias
Mein lieber Tobias,
Kreuzworträtsel löst man gemeinhin
am Küchentisch
und an selbigem sitze ich auch
und merke,
dass es wie verhext ist.
Weil unter anderem ich gefragt werde,
wie man einen Konkurrenten
in Liebesdingen nennt.
Und damit ist natürlich
der Nebenbuhler gemeint.
Ich habe leicht paranoide Vorstellungen,
dass selbst die Kreuzworträtselredaktion
sich in mein Leben einmischt
und mir solche Fragen stellt,
um mich zu verunsichern.
Du siehst, ich bin verunsichert.
Es ist die Situation,
die mich zweifeln lässt
an mir,
an meiner Ehe,
an dir,
an den Menschen,
die ich kenne.
Ich weiß nicht mehr,
wie ich die Blicke deuten soll,
die Sätze,
die gesagt werden,
ob es darin eine Subkommunikation gibt,
die ich vielleicht übersehe.
Ich habe Angst, wenn ich eine Frau sehe
auf der Straße,
ob das vielleicht eine Konkurrentin
für mich sein könnte.
Eine Frau, die sich vielleicht an dich heranmacht.
Ich betrachte meinen Mann
und weiß nicht mehr,
was er denkt.
Ich bin völlig gefangen
in paranoiden Vorstellungen,
Ängsten und Zwängen
und weiß nicht,
wie ich das zerstören soll,
wie ich das Netz,
das sich Stück für Stück,
Tag für Tag gespannt hat,
zerreißen soll.
Ich fürchte mich, ich fürchte dich,
ich fürchte die Zukunft,
ich fürchte den Augenblick,
an dem ich an der Situation verrückt werde,
weil ich mitbekomme,
was geschieht.
Das Problem ist, dass ich keine Strategie habe
und nicht weiß,
wie ich damit umgehen soll.
Es ist in meinem ganzen Leben
so eine Situation
noch nie entstanden.
Anton habe ich auf ganz andere Art und Weise
kennengelernt.
Es ist nicht vergleichbar
mit dir
und das ist der Punkt,
der mich so nervös werden lässt,
um es einmal so auszudrücken.
Und das Schlimme ist,
dass ich merke,
dass ich dieselben Gelüste habe
wie ein Mann.
Aber auch wenn wir in einer Zeit leben,
in der es eigentlich heißt,
dass die Gleichberechtigung herrscht,
weiß ich doch,
dass im kollektiven Unterbewusstsein
von Mann und Frau
die Regeln noch ganz anders gesetzt sind
und ich gezwungen bin,
dies mehr oder weniger zu verbergen.
Es grüßt dich, deine verwirrte Loretta.