Sehen
Sechsundsechzigster Brief an Tobias
Lieber Tobias,
ich sitze auf dem Badezimmerboden
und schrubbe mir die Hände wund.
Sie sind schon ganz rot vom Putzmittel
und das Briefpapier liegt auf dem Toilettendeckel.
Keine Angst, das ist nur der Zettel,
auf den ich meine Gedanken schreibe.
Du bekommst keinen Briefbogen von mir,
der nach Klo riecht.
Mein Mann liegt auf dem Sofa,
faul wie immer,
und ruft etwas.
Ich verstehe nur ein lautes Brabbeln,
brülle ja ja zurück
und lasse ihn ansonsten vor sich hinreden.
Es interessiert mich nicht,
was er spricht.
Interessant ist,
dass du versucht hast,
mich letztens eifersüchtig zu machen.
Aber da bist du bei mir schief gewickelt.
Was du kannst,
kann ich auch.
Und vielleicht sollte ich dir erzählen,
was mir letztens passiert ist,
als ich in der U-Bahn gefahren bin.
Ich weiß gar nicht mehr so richtig,
warum,
aber es war Richtung Alexanderplatz
mit der U5.
Es war schon ein bisschen spät,
trotzdem war die Bahn knackevoll.
Und ich,
eingequetscht in diesen Massen.
Es ist immer ein bisschen unangenehm,
wenn man mit anderen so auf Tuchfühlung stehen muss.
Man kann alles Mögliche riechen,
den Schweiß auf ihren Körpern.
Manche haben sich nicht gewaschen,
manche haben ein merkwürdiges Parfum aufliegen,
wieder andere riechen nach Plastik.
Ich weiß nicht wieso,
vielleicht haben sie irgendwelche Kunststoffwäsche an,
die einfach nach billigem Plastik riecht.
Man versucht, sich nicht in die Augen zu schauen.
Jeder schaut betreten in eine andere Richtung.
Und dann plötzlich merke ich,
dass sich ein größerer Mann hinter mir
langsam an mich drückt.
Und nicht nur das, er drückt bewusst gegen meinen Po.
Und du weißt,
ich habe einen schönen Po.
Und jedes Mal, wenn die Bahn ruckelt,
reibt er sich fester an mir.
Und ich spüre seinen Atem im Nacken.
Ich bin ein bisschen schockiert gewesen.
Ich fragte mich,
soll ich nach hinten schauen,
um zu sehen,
was das für ein Mann ist?
Ich habe es riskiert,
habe mich so umgedreht,
als würde ich nicht auf seinen Körper reagieren,
sondern eher zufällig,
weil ich nach der Reklame an der U-Bahn-Wand schaue.
Und ja, es war ein sehr attraktiver Mann
mit ausdrucksvollen Augen,
wie ich aus meinen Augenwinkeln sehen konnte.
Ich sagte nichts und genoss nur die Hitze,
die er ausstrahlt.
Ich bin dann irgendwann ausgestiegen,
während er in den Menschenmassen blieb
und ich merkte,
dass er mir aus dem ausfahrenden U-Bahn-Zug
hinterher schaute,
wie ich die Treppen hinaufgehe.
Es grüßt dich, deine Loretta.