Sehen

Sechsundvierzigster Brief an Tobias

Loretta Baum

Lieber Tobias,

ich sitze am Küchentisch
und bin sehr enttäuscht
und aufgebracht über Anton.

Ich habe heute Geburtstag
und dieses gefühlskalte Arschloch
von Ehemann
hat meinen Geburtstag vergessen.

Ich meine, wir reden hier nicht über irgendwas,
nicht über Valentinstag
oder sonstige Erfindungen
der Geschenkeindustrie,
um dem Partner Geld
aus der Tasche zu ziehen.

Nein, wir reden hier über meinen Geburtstag.
Und er hat einfach vergessen,
mir zu gratulieren,
ein Geschenk zu kaufen
und sei es etwas Selbstgebasteltes,
wenn der Herr Philosoph
nicht liquide ist.

Ich verlange ja keine großen Dinge,
kein Auto oder was weiß ich,
was andere Gatten
ihren Frauen schenken,
um das Gewissen zu beruhigen,
eine langweilige Ehe zu führen.

Nein, das alles verlange ich nicht.
Nur ein Mindestmaß an Aufmerksamkeit,
an Höflichkeit,
an Takt.

Aber selbst du hast dich drum gedrückt.

Nun, jetzt könnte ich immerhin behaupten,
es ist für dich nicht so einfach,
hier aufzumarschieren
mit einem großen Blumenstrauß,
weil das vielleicht doch etwas
aufmerksamkeitserheischend wäre,
was gegenüber Anton
vielleicht nicht die klügste Strategie wäre.

Ich gebe es zu.

Aber doch, ich muss mich schon
ein bisschen beklagen bei dir.

Und das ausgerechnet an dem Tag,
an dem ich dir eigentlich vergeben wollte,
ob du mir nun die Wahrheit
über dein Techtelmechtel
mit einer abgelegten Freundin
erzählt hast oder nicht.

Nein, dieser Tag ist wahrlich für mich
kein erhebender Tag.

Und darum werde ich mir selbst
ein Geschenk machen.

Und das Geschenk lautet,
ich vergebe dir.

Damit beruhige ich meine verletzte Seele
und zeige dir,
dass Absolution und Vergebung
etwas ist,
was eine Frau wie ich
zu geben vermag
und über welche Gabe
ich verfüge.

Ich hoffe, dass du dies zu würdigen weißt
und begreifst
und dich dementsprechend verhältst,
mein lieber Tobias.

Aber bedenke, das sind Privilegien,
die ich nicht allzu häufig gewähre.

Und du solltest nicht darauf bauen,
dass dies ein allgemeiner Zustand von mir ist,
den man ausnützen könnte.

Es grüßt dich, deine Loretta.

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