Sehen

Sechsundzwanzigster Brief an Tobias

Loretta Baum

Lieber Tobias,
ich stehe im Morgenmantel
am Herd
und brate für Anton
und mich
ein paar Spiegeleier.

Mir kommt Loriot dabei
in den Sinn
und der Streit
über das hartgekochte Frühstücksei.

Ich muss ein bisschen grinsen,
aber es sind ja Spiegeleier.

In diesem Punkt ist Anton merkwürdigerweise
sehr anspruchslos.

Ob das Ei nun weich
oder hart ist,
ist ihm vollkommen egal.

Er schlingt alles runter,
was ich ihm vorsetze.

Er blickt nicht einmal auf,
nimmt sich eine Zeitung
und liest beim Essen.

Anton ist jemand, der noch gerne Zeitung liest.

In der heutigen Zeit
fast unvorstellbar,
wo jeder auf einem Tablet
oder einem Smartphone
die Nachrichten konsumiert.

Aber Anton ist sehr konservativ.

Er liebt es, wenn die Zeitung raschelt
und er geräuschvoll
die Seiten umschlagen kann.

Ab und zu lugt er über den Rand
seiner Frankfurter Allgemeinen,
blickt mich an
und kommentiert einen Satz,
den er gerade gelesen hat.

Es ist also alles sehr routiniert,
sehr ruhig.

Und das, obwohl wir gestern
einen riesigen Streit hatten.

Ich werde dir nicht erzählen,
worum es ging.

Das ist zu delikat und persönlich
und ich möchte dich damit auch
nicht belasten.

Jedenfalls flogen die Fetzen
und jetzt haben sich die Wogen geglättet,
obwohl wir uns nicht ausgesprochen haben.

Ich weiß nicht, ob du das kennst.

Man hat einfach beschlossen,
den Streit Streit sein zu lassen,
obwohl er noch
durch die Küche wabert
wie die Dampfwolken,
die über der Pfanne aufsteigen.

Und wir geben uns normal.

Das Interessante ist aber,
dass normal etwas anderes ist
als gut.

Normal kann ja etwas sein,
was der Norm entspricht,
wie man etwas empfindet.

Normal kann aber auch
ein Zustand sein.

Auch ein unglücklicher Zustand
ist normal,
wenn er täglich gelebt wird.

So wie es normal ist,
dass wir uns schreiben,
obwohl es nicht normal ist,
worüber wir reden,
wenn wir uns schreiben.

Auch eine schöne Formulierung.

Ich weiß nicht, wann die Ehe abgebogen ist
und zu einem Zustand wurde,
den man erträgt,
aber nicht lebt.

Und zwar lebt im Sinne von liebt,
sondern im Sinne von erträgt.

Das ist auch der Grund,
warum ich nicht möchte,
dass zwischen uns mehr ist,
weil ich weiß,
dass dieser Zustand zwangsläufig auch
zwischen uns entstehen würde.

Und das ist etwas, was wir beide nicht verdient haben.

In diesem Sinne wünsche ich dir noch
einen schönen Tag,
deine Loretta.

Zugriffe gesamt: 19