Sehen

Sechzehnter Brief an Tobias

Loretta Baum

Lieber Tobias,
ich schreibe dir diese Zeilen
im kleinen Schwimmbad-Café,
das sich in der Schwimmhalle befindet.

Die Betreiberin hat mich angelächelt
und mir einen leckeren Apfelstrudel empfohlen.

Ich habe ihr die Freude gemacht
und noch zwei Milchkaffees nacheinander bestellt.

Ich glaube, ich habe ihr den Umsatz des Tages beschert.

Meine Haare sind vom Schwimmen noch nass
und die Haut riecht nach Chlor.

Ich bin heute Morgen ganz allein
meine Bahnen geschwommen –
fünfzig Mal hin und her,
bis die Arme schwer wurden
und der Kopf endlich still war.

Mein Mann lag derweil noch im Bett
und hat nur müde gebrummt,
als ich gegangen bin.

„Sport ist Mord“, hat er gesagt
und sich dann wieder umgedreht.

Im Wasser gibt es nur mich,
meinen Atem
und den gleichmäßigen Rhythmus der Arme.

Kein Streit, keine spitzen Bemerkungen,
keine unausgesprochenen Vorwürfe.

Nur Bewegung und das leise Plätschern.

Während ich Bahn um Bahn gezogen habe,
sind meine Gedanken immer wieder zu dir gewandert.

Und plötzlich wurde mir bewusst,
welche Schande es wäre,
dir nachzugeben.

Nicht nur, weil ich danach mit Tränen und Scham zurückbleiben würde,
wenn deine Leidenschaft erlischt
und du dich abwendest.

Sondern vielleicht –
und das ist das Schlimmste –
die Schande,
dich noch immer zu lieben,
während du schon längst weitergezogen bist.

Genau davor fürchte ich mich,
Tobias.

Nicht vor dir. Vor mir selbst.

Dass ich diejenige sein könnte,
die nicht mehr aufhören kann zu lieben,
obwohl alles längst vorbei ist.

Manchmal denke ich,
das Leben sollte wie diese klaren Bahnen im Wasser sein:
Man zieht sie selbst,
ruhig und entschlossen,
ohne dass jemand ständig die Richtung ändern will.

Und doch kehrt man am Ende immer wieder nach Hause zurück –
zu dem, was man kennt,
auch wenn es nicht vollkommen ist.

Ich bin jetzt müde,
aber auf eine gute Art.

Der Kopf ist klarer geworden,
auch wenn die Gedanken an dich geblieben sind.

Deine Loretta

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