Sehen
Sechzigster Brief an Tobias
Tobias,
sei mir gegrüßt.
Ich stehe in der Küche
und schufte.
Aber dieses Schuften
macht mir Spaß,
denn ich mache
einen großen Topf
mit Beerenmarmelade.
Du musst dir vorstellen,
dass der Duft
von Zucker und Früchten
durch die Küche zieht.
Anton kommt kurz herein,
schaut, was ich mache.
Seine Augen leuchten kurz auf,
denn diese Marmelade
schmeckt ihm ausgezeichnet.
Aber ich mache sie weniger für ihn
als für mich,
denn es ist
meine Lieblingsmarmelade,
die ich schon als Kind
gern mochte,
und meine Mama
hat sie mir gemacht
und meine Mama
hat mir das Rezept hinterlassen.
Das Rezept kann ich mittlerweile auswendig,
das kannst du dir vorstellen,
und so habe ich,
während die Marmelade kocht,
die Muße,
dir diesen Brief zu schreiben.
Und irgendwo muss ich dir sagen,
es ärgert mich,
dass ich dir schreibe.
Es ärgert mich,
dass ich sozusagen
mich verpflichtet fühle,
dir einen Brief zu schreiben.
Ich muss dich wirklich
an dieser Stelle einmal fragen,
was willst du eigentlich von mir?
Das ist mir irgendwo
nicht so richtig klar.
Kannst du es mir verraten?
Sei mir nicht böse,
dass ich vielleicht heute
etwas angepikst klinge.
Das kommt auf keinen Fall
von den stacheligen Beeren,
aber es rumort in mir.
Vielleicht weißt du selber nicht,
was du von mir willst.
Ich versuche vernünftig zu sein
und habe dir das auch
immer wieder erklärt.
Ich habe dir erklärt,
was geht
und was nicht geht.
Und trotzdem hast du
eine Art
und eine Penetranz,
dass ich das Gefühl habe,
dass meine Wünsche bei dir
nicht ankommen
oder fruchten
oder dass ich vergeblich
mit dir rede.
Ja, zum einen Ohr rein,
zum anderen raus.
Und du lässt mich einfach
nicht in Ruhe.
Das Problem ist, dass du dich sozusagen
in meinen Kopf eingehackt hast,
eingeklinkt hast
wie so ein Karabiner
oder wie eine Klette,
die am Stoff kleben bleibt,
sich sozusagen verklettet.
Und jetzt ist die große Frage,
wessen Schuld ist das?
Und irgendwann würde ich sagen,
es ist deine Schuld,
nicht meine.
Ich bin ja nur reaktiv,
du bist aktiv.
Ich versuche das Ganze immer
in gewisse Bahnen zu lenken,
aber nein,
auf dich ist kein Verlass.
Und du merkst wirklich,
ich bin heute
nicht besonders sanft.
Nimm das nicht persönlich.
Es ist ein Zeichen dafür,
dass ich dich ernst nehme.
Ja, Menschen,
die mir gleichgültig sind,
zu denen bin ich
vollkommen höflich.
Und ich bin nicht zu dir höflich,
das weiß ich.
Darum überlege sehr genau,
was ich dir gesagt habe.
Es grüßt dich, deine Loretta.