Sehen

Seit ich denken kann

Nico Schwarzer

Seit ich denken kann, interessiere ich mich für Sex. Schon in der Schulzeit habe ich mich gerne neben hübsche Klassenkameradinnen gesetzt und sie im Unterricht – meistens in Chemie oder Physik – nach ihrer Einstellung zu diesem Thema befragt. Ich wusste, dass die Mädchen keinen Bock auf naturwissenschaftlichen Unterricht hatten und sich nur allzu gerne vom Thema ablenken ließen. Tja, und mein Thema war halt Sex. Ich habe sie gefragt, wie sie dazu stünden, was sie für Fantasien hätten. Natürlich haben sie mir irgendwelchen Schwachsinn erzählt, weil sie zu schüchtern waren, die Wahrheit auszusprechen. Aber darum ging es mir gar nicht. Ich wollte mich einfach nur über dieses Thema unterhalten. Ich wusste, dass ich zu diesem Zeitpunkt zu jung war, um bei diesen Mädchen zu punkten – als Liebhaber, meine ich. Männer sind in diesem Alter noch weit, weit hinter den Frauen zurück.

Jahre später war es natürlich anders. Da lernte ich eine kennen, die ebenso verrückt nach diesem Thema war wie ich. Diese Frau hat mich wirklich an den Rand dessen getrieben, wozu ein Mann überhaupt in der Lage sein kann. Diese Frau hat einen sprichwörtlich an die Wand gefickt. Ich konnte nach Hause kommen und sagen: „Hey, ich will mit dir schlafen." Das war kein Problem – eher im Gegenteil: Hätte ich diesen Satz nicht gesagt, dann hätte ich ein Drama erlebt.

Und irgendwann habe ich festgestellt, dass das Ganze zu einer Art Wettbewerb ausartete. Zu einem sexuellen Wettbewerb: Wer ist eher in der Lage, Sex zu nehmen und Sex zu geben, sie oder ich? Als Mann ist man dabei natürlich ein bisschen gehandicapt, aus gewissen – Sie wissen schon – biologischen Gründen. Aber ich wollte einfach nicht aufgeben. Und darum bin ich zum Arzt gegangen, habe mein Leid geschildert und gesagt, ich brauche die blauen Pillen. Er hat mich mitleidig angeschaut und mir tatsächlich eine Packung verschrieben. So, dachte ich, jetzt haben wir Gleichstand. Ich kann zwar vielleicht nicht so oft ejakulieren, aber steif bleibt er trotzdem.

Und ich glaube, wir haben es dann auch irgendwann übertrieben und sind beim Ficken übereinander zusammengebrochen, weil niemand aufgeben wollte. Die Teile waren alle schon wundgescheuert. Man hatte auch keinerlei Fantasie mehr, was man dem anderen erotisch an den Kopf werfen könnte, um sich und den Partner anzuheizen. Aber ich habe meinen Mann gestanden, wenn ich es so sagen darf.

Und es ist noch etwas anderes Merkwürdiges geschehen. Wir haben nach ein paar Stunden eine Pause gemacht, dann aber wieder weitergefickt. Ich hatte ja genug Pillen. Und nach vierundzwanzig Stunden – vierundzwanzig Stunden Dauervögeln – war es so, dass man irgendwann wie auf einer Wolke schwebte. Ein sehr interessanter Zustand. Aber ich kann Ihnen versprechen: Das macht man ein paar Mal, und dann ist auch da einfach die Luft raus.

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