Sehen

Sex, Freiheit und die große Liebe

Charles Haiku

Mit breiter Brust laufe ich
durch die Straßen von Berlin.

Die Sonne streichelt meinen Oberkörper
durch das luftig-leichte T-Shirt
und ab und zu kneife ich
geblendet die Augen zusammen.

Es ist ungewöhnlich warm
für diesen Frühling und
über allem liegt ein Hauch
von Beschwingtheit.

Doch noch aus einem anderen Grund
blicke ich verträumt die Straße entlang.

Mit dem Frühling ist auch
die Hoffnung wieder in mein Leben
zurückgekehrt.

Und ich meine die Art
von Hoffnung die entsteht,
wenn man einen Menschen kennenlernt
von dem man glaubt,
dass er eine größere Rolle
im eigenen Leben spielen kann.

Oder simple ausgedrückt „Boy meets Girl“.

Das ist der Moment,
wo ich beginne eine Titelliste
von Musik zusammenzustellen,
die SIE unbedingt hören muss,
wenn sie mich begreifen will.

Früher wurden mühsam Musikkassetten
selbstbespielt, jetzt genügen einige Mausklicke
in I-Tunes.

Die Technik hat sich vereinfacht,
aber die Musik bleibt unverändert.

Und in Gedanken spreche ich
mit ihr.

„Hörst du diese Stelle“ sage ich
und in meiner Phantasie nickt sie.

„Hier habe ich das Gefühl,
mein ICH zu erkennen.“

Sie ist ganz ergriffen
und kann mich vollkommen verstehen.

Natürlich dreht sich dieses nie geführte Gespräch
nicht nur um Musik.

Wir quatschen Straßenzug um Straßenzug
über dies und das,
über Gott und die Welt.

Und ab der Hausnummer 73
beginnen wir über das Verhältnis
von Mann und Frau zu streiten
und bei der Nummer 108
versöhnen uns wieder.

Und ab und zu ertappe ich mich
wie ich ihren Vornamen
mit meinem Familiennamen verbinde
um zu sehen wie die Kombination klingt.

Nur für den Fall der Fälle.

Jetzt werfen wir einmal die Zeitmaschine an
und spulen einige Wochen in Zukunft vor.

Der Regen trommelt gegen die Fensterscheiben
und ich denke „Scheiß Tusse.
Mal wieder Perlen vor die Säue geworfen.
Wieso kapiert Sie nicht,
dass ich der Glücksfall in ihrem Leben
hätte sein können.“

Mit einem Handwurf über die Schulter
murmele ich „Und ab dafür!“
und zwei Minuten später denke ich wieder
„Scheiß Tusse“.

Gleichzeitig erhalte ich eine SMS
von einer Frau, deren Avancen ich bisher
erfolgreich abgewehrt hatte.

Aber vielleicht doch nicht in der Deutlichkeit,
denn schon wieder will sie sich
mit mir treffen.

So ist das alte Spiel.
Wir wollen das, was wir nicht haben können
und was wir bekommen können,
verschmähen wir.

Bertolt Brecht brachte es auf die kurze Formel
„Der eine liebt, der andere weiß es.“

Doch halt, was ist das?

Wir sind wieder im Hier und Jetzt.

Aus meinen Träumen gerissen,
stehe ich an einer Straßenkreuzung
und sehe ein sich innig küssendes Paar.

Es wird rot, es wird grün,
doch die beiden gehen nicht über die Straße.

Sie leben gerade außerhalb der Realität
und befinden sich in einer anderen Raumzeit.

Sie hat ihre Hände um seinen Kopf geschlungen
und er schiebt seine in die Gesäßtaschen
ihrer Jeans.

Ihre Körper reiben sich in einer Weise
an einander, dass jeder Porno-Regisseur hier
Nachhilfeunterricht nehmen könnte
und ich vermute, dass seine Zunge gerade ihn
ihre Speiseröhre vordringt.

Dann gibt es also doch noch Hoffnung
für die Liebe.

Dieses küssende Paar ist der Beweis,
dass zwei Menschen zueinanderfinden können.

Mit neu erwachter Zuversicht reiße ich mich
von diesem hinreißenden Anblick los
und überquere bei der nächsten Grün-Phase
die Straße.

In meine Augen kehrt der Glanz zurück,
denn ich liebe es zu küssen.

Küsse inspirieren und Küsse sind meine Achillesferse.

Wobei ich den Begriff Knutschen vorziehe,
denn mein zweiter Name ist Mr. Knutscher.

„Achtung, Achtung, hier spricht die Polizei!
An alle Frauen mit Knutschelippen.
Bitte bleiben Sie zu Hause
und verlassen Sie nicht die Wohnung.

Der Knutscher ist wieder unterwegs.
Das Betreten der Straße geschieht auf eigene Gefahr.

Das gilt auch für Sie junge Dame.“

Ich weiß nicht, ob ich gut knutschen kann,
schließlich habe ich mich nie selbst geküsst.

Aber Rumknutschen kann ich stundenlang.

Dabei ist es so etwas intimes,
dass es nicht weiter verwunderlich ist,
dass die meisten Nutten ihre Freier
nicht küssen wollen.

Es ist einfacher sich einen Schwanz
in den Schoß zu schieben,
als eine fremde Zunge im eigenen Mund
willkommen zu heißen.

Wenn in einer meiner Beziehungen,
das Küssen ausblieb oder erstarb,
wenn es oberflächlich wurde -
so eine Art kurzer Begrüßungsschmatz,
mehr der Routine, als dem Wunsch geschuldet -
dann steckte in der Beziehung der Wurm drin.

Küsse bzw. Nichtküsse bringen halt
die Wahrheit ans Licht.

Der Umgang mit der Wahrheit
ist dann wieder eine ganz andere Angelegenheit.

In regelmäßigen Abständen sitzt eine Freund
oder eine gute Freundin bei mir
in der Küche und kotzt sich
über die aktuelle Beziehung aus.

Da wird getobt, gelästert, gejammert
und gehofft.

Immer mit der Aufforderung verbunden,
die Situation zu verstehen
und vielleicht den passenden Ratschlag zu geben,
damit die Beziehung wieder in altem Glanz erstrahlt.

Das Dilemma, welches ich diagnostiziere
ist in verschiedenen Variationen immer das Gleiche.

Der Beziehungsfrustrierte hat aufgehört
eine frei handelnde Person zu sein.

In seiner Phantasie glaubt er schon zu wissen,
wie der andere auf etwas reagiert
und in einer Art vorauseilenden Gehorsam
versucht er alles negative zu vermeiden.

Es ist die Zensur des eigenen Handelns
und der eigenen Gefühle,
die dazu führt, dass man einem Zustand
hinterher rennt,
der sich nur noch um so weiter entfernt,
wie man versucht ihn einzuholen.

Und jetzt sitzt dieses Häufchen Elend da
und verlangt nach der bitteren Medizin.

Die gebe ich dann auch
und empfehle dem Patienten einen anderen Umgang,
ein anderes Verhalten zu seinem Partner.

Mit einem gequälten Gesichtsausdruck
wird meine Therapie wortreich zurückgewiesen.

Messerscharf wird analysiert,
warum mein Ratschlag die Beziehung endgültig zerstören würde.

Was ich dann antworte ist brutal.

Ihr fickt seit einem halben Jahr nicht mehr miteinander,
ihr habt keine schönen Momente,
was bitte schön soll da noch kaputtgehen.

Die Beziehung ist doch zerbrochen,
nichts zu retten, aus, vorbei.

Du gehst Deinem Partner doch voll
auf die Nerven.

OK. Ich gebe zu, dass ich diese Dinge
etwas sanfter umschreibe,
damit ich keinen Selbstmordkandidaten nach Hause schicke.

Hey, sage ich, wenn du deine Strategie nicht änderst,
hast du den anderen zu Hundert Prozent verloren.

Wenn du aber meinen Ratschlag befolgst,
dann hast Du eine fünfzigprozentige Chance.

Drehen wir wieder an der Zeitmaschine.

Eine gut gelaunte Person sitzt mir
in der Küche gegenüber
und schwärmt mir von der letzten Nacht vor.

Alles sei wieder im Lot.
Ich habe ja so Recht gehabt.

Manch einer hat meinen Ratschlag willentlich befolgt,
manch anderer mehr aus Glück denn aus freien Stücken,
aber das Ergebnis ist für meinen Gast verblüffend.

Der Partner habe nicht wie gedacht reagiert,
sondern vollkommen anders.

Es werden sich wieder gegenseitig Liebesschwüre erteilt
und das Leben ist schön.

Tja, dass sage ich doch.

Jetzt könnte man zu der Erkenntnis gelangen,
dass der Schlüssel zu ewigen Glück
in der Partnerschaft die vollkommene Freiheit im Handeln ist.

Das komplette Ausleben seiner eigenen Gefühlswelt.

Und wieder haben wir einen Gast
in der Küche zu sitzen.

Mit traurigem Blick beklagt er sich,
dass der Partner eine Grenze überschritten,
die die Beziehung im Innersten zerstört hat.

Eine Zerstörung der Gefühlswelt,
die sich nicht mehr heilen lässt.

Au Backe, da habe ich dann auch keinen Ratschlag parat.

Und so stecken wir in einem Dilemma.

Wir sollen unsere Gefühle nicht zensieren
und gleichsam unter Kontrolle haben.

Wie bekommen wir beides unter einen Hut?

Geht das und wenn ja wie?

Das Zauberwort heißt meiner Meinung nach SEX.

Sex ist das Spielfeld
und die Pufferzone zwischen Freiheit und Zerstörung.

Sex ist genauso produktiv wie Sex
auch unsere dunkle Seite dominiert.

Aber auch hier lauert eine große Gefahr
und das ist die Lüge.

Eine meiner Lieblingszitate lautet:
„Wenn das Gespräch auf Sex kommt, lügt jeder.“ (1)

Und schon sind wir wieder
beim Zensieren der Gefühle.

„Soll ich meinem Partner sagen,
dass ich gerne mal Sex zu dritt hätte?

Nein, besser nicht.
Er nimmt es dann noch persönlich
und denkt, er reicht mir nicht.“

Und so brüten tausend unbefriedigte Wünsche in uns
und lassen unsere dunkle Seite immer mehr anschwellen
bis wir zu Platzen drohen
oder wir leben es im Verborgenen aus.

So lange bis die Wahrheit ans Licht kommt
und die Liebe sprengt.

Vielleicht wäre also die Wahrheit zwischen zwei Liebenden
der richtige Weg.

Die Wahrheit und das Versprechen
diesen Weg gemeinsam zu gehen,
damit es zur gelobten Balance der Kräfte kommt.

Und was kann eine Beziehung schon zerstören,
wenn es nach Jahren immer noch sexuell knistert.

Vielleicht ist die Balance beim Sex
die Grundvoraussetzung für die Balance im Leben.

Ob diese Erkenntnis der Weisheit letzter Schluss ist,
kann getrost bezweifelt werden,
denn jede Liebe ist immer wieder neu
und hat ihre eigenen Regeln.

Nur eine ewig gleiche Frage bleibt mir
all die Jahre treu
und beschäftigt mich jedes Mal aufs neue.

Schmecken meine Küsse IHR?

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