Sehen
Sie und ich
Sie sieht mich, wie ich vor meinem großen Spiegel stehe. Sie sieht mich von oben. Sie sieht mich sehr gut, wie ich mich anschaue. Meinen Körper anschaue Und wie ich von mir und meinem Körper überzeugt bin. Sie sieht mich, wie ich mir selbst mit den Augen zuzwinkere und dabei in mich hineinschaue, lächelnd. Wie ich mich entkleidet habe, und meine Hände an die Hüften lege. Sie sieht, daß ich gut aussehe. Aber das weiß ich selbst. Ich habe eine makellose Haut und ich bin mir keineswegs unsicher, ich könnte andere Makel haben. Das ist mein Selbstwertgefühl. Sie möchte wohl, daß ich ihr zulächele, und sie lächelt zurück. Ich trage meine Haare offen. Ich stelle mich auf meine Zehenspitzen und komme langsam wieder herunter. Sie sieht, wie ich meine Zehen spreize und mir meine Haare nach vorn lege. Ich denke nach. Sie denkt vielleicht an Ihre anderen Freundinnen, über andere junge Frauen. Sie sieht mich und denkt nach über meinen Körper, der Im Verlauf der Jahre reifer und – wie ich finde – attraktiver – geworden ist. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich heute eine andere Frau wäre, wenn ich damals, als sie ans Meer gezogen war, Cornelia nicht kennengelernt hätte. Cornelia hat mich zur Frau gemacht. Durch sie habe ich die Leidenschaft für das Weibliche kennengelernt. Seit diesem Zeitpunkt hat sie keinerlei Verlangen nach Männern. Und überhaupt – was Männlichkeit, maskuline Gebärden, Attitüden, und männliche Verhaltensweisen betrifft. Männer sind für sie mittlerweile für Sie wie andere Wesen, die man nicht braucht. Allenfalls interessante Kreaturen, wie Tiere die man mag, oder anderweitige Objekte, die nur zum Vergnügen da sind. Hingegen Frauen, die stehen im Mittelpunkt –, was ihr Leben betrifft. Sie sieht mich, wie ich vor dem Spiegel darüber nachdenke. Und weiter nachdenke, weiter meine Gesichtszüge zu einem Lächeln anspanne, und sie sieht, wie ich mir mit einem Auge zuzwinkere. Sie sieht mich deutlich. Wie ich mir langsam den Kopf nach hinten über meine Schultern auf ein Objekt richte, das ich sein könnte! Ja, sie sieht mich so nackt, und wie schön ich bin –; ja, vor dem großen Spiegel. Sie sieht, wie ich mich wieder auf die Zehenspitzen stelle, wieder herunterkomme, meine Arme hebe, und diese um meinen vollendet schönen Busen lege. Dieser Busen ist letztendlich das, was sie an mir so fasziniert. Ja, sie hat´s mal gesagt. Und es ist nicht der Grund für unsere Trennung. Und Ihre Überheblichkeit hat nichts, aber auch gar nichts damit zu tun. Ihr Stolz, ihre Eitelkeit und ihr Zynismus erst recht nicht. Neulich kam sie auf mich zu hob mein Nachthemd hoch, schaute auf meine Brüste und ließ das Nachthemd wieder herabfallen. Waren ihr meine Brüste zu klein? Ich denke nein. Es muß etwas ganz anderes gewesen sein, denn meine kleinen Brüste hat sie doch immer wieder liebkost, und so lieb beleckt. Sie hat von der Natur des Weiblichen gesprochen und das rein Anatomische sei sekundär. Und dann haben wir uns geliebt. Ja, darin ist sie wie keine andere. Sie hat mich zum Höhepunkt gebracht. Und jetzt sieht sie mich. Sie sieht mich ganz genau.