Sehen

Siebenunddreißigster Brief an Tobias

Loretta Baum

Lieber Tobias

Ich stehe gerade in meinem Zimmer
und versuche den schweren Sessel
und den kleinen Tisch umzuräumen.

Also ich baue mein Zimmer um
und das ist etwas sehr Interessantes,
denn das mache ich immer dann,
wenn sich mein Leben ändert
oder ich glaube,
dass ich meinem Leben
eine andere Richtung geben sollte.

Anton steht daneben
mit verschränkten Armen
und meint nur,
Veränderung sei eine Illusion des Willens
und ich solle doch alles so lassen,
wie es ist.

Aber das entspricht nicht meinem Gefühl.

Es ist ein Gefühl von Leichtigkeit einerseits
und auch von Vorfreude.

Etwas,
was ich schon seit geraumer Zeit
nicht mehr gespürt hatte.

Es ist ein Gefühl von Aufbruch,
des Neuen.

Obwohl doch eigentlich alles alt ist.

Der Sessel,
der Tisch,
das Zimmer.

Aber kaum ordnet man die Dinge neu,
entwickelt sich eine Eigendynamik
in der Wahrnehmung.

Der Raum wirkt verändert,
unbekannt,
obwohl es dieselben Möbelstücke sind.

Es hat sich nichts geändert
und doch irgendwo alles.

Das finde ich spannend
und ich finde noch spannender,
dass ich darüber philosophieren kann,
während mein lieber Gatte,
der ja ein Philosoph von Hause aus ist,
daran scheitert.

Da stellt sich mir fast die Frage,
wer ist denn der wahre Philosoph
in diesem Haushalt?

Und ich kann dir eines versprechen,
mein lieber Tobias,
obwohl Versprechen das falsche Wort ist —
offenbaren wäre treffender.

Du hast mir vorgeworfen,
dass ich lache.

Aber es ist kein Lachen über dich,
sondern es ist ein Lachen des Glücks.

Und das ist etwas komplett anderes.

Eigentlich sollte dich dieses Lachen erfreuen,
denn es zeigt an,
wie es um meine innere Welt bestellt ist.

Und meine Ausgelassenheit
sollte dich erfreuen,
denn dann würdest du selbst die Bedeutung erkennen
und du bräuchtest mich nicht zwingen,
etwas auszusprechen,
was mir auszusprechen widerstrebt
aus den unterschiedlichsten Gründen.

Vor allen Dingen,
weil Anton hinter mir steht
und beobachtet,
was ich so tue.

Nein,
es ist vielleicht auch jene Verlegenheit,
die ein Teenager spürt,
wenn er merkt,
dass er verliebt ist.

Und ja,
mein lieber Tobias,
es ist der Punkt,
den ich feststelle
und darum auch das Umbauen meines Zimmers.

Ich liebe dich.

So ehrlich war ich selten,
aber manchmal gibt es Momente,
da muss man die Wahrheit aussprechen.

Es grüßt dich in Liebe,
deine Loretta.

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