Sehen

Siebenundfünfzigster Brief an Tobias

Loretta Baum

Lieber Tobias,

eine Welle der Euphorie
durchfährt meinen Körper.

Während ich im Flur sitze
und mit der Bürste
über die Stiefel gleite
und sie blank putze,
mit jedem Schwung,
den ich nehme,
um wieder über das Leder zu fahren,
durchzuckt meinen Körper
ein ekstatischer Aufschrei.

Und ich stelle mir vor,
dass du es bist,
über den ich mit meiner Hand hinweg gleite.

Ich stelle mir vor,
dass ich diese Schuhe anhabe,
nackt wie der Herrgott mich schuf,
und ich über Betten springe,
auf dir stehe,
auf dass ich meinen Stiletto
in dein Fleisch bohre,
und ich sehe,
wie das ganze Blut
in deinem Körper sich
in einer einzigen Körperregion sammelt,
wie deine Arme meine Beine umschlingen,
wie deine Hände meine Waden hochgleiten
und sich fest in mein Fleisch pressen.

Oh ja, diese Vorstellung ist süß.

Und Tobias, wir sollten unsere Zeit nicht vergeuden
und uns für immer so vergnügen,
stundenlang,
ohne Unterlass,
vielleicht nur ein leichtes Aufstehen,
in die Küche gehen,
etwas essen und trinken
und dann wieder im Bett verschwinden
und sich den Genüssen hingeben,
die unsere Körper sich gegenseitig geben können.

Ich würde auf dir reiten,
minutenlang deinen Phallus
meinem Körper spüren,
ihn aufnehmen,
fast schon aufsaugen.

Und ich verrate dir jetzt,
dass ich Muskeln habe in meinem Körper,
die ich fest zusammenpressen kann
wie eine Faust um deinen Schaft,
sodass ich alles aus ihm herausquetsche
und es in mich strömt,
sodass du keine Chance hast.

Oh, diese Vorstellung ist so angenehm,
dass selbst das stupide Schuheputzen
für mich die höchste Freude ist
und ich gar nicht aufhören kann.

So viel Energie steckt in mir,
so viel süße Vorfreude,
dass es mir nichts ausmacht,
dass ich die Schuhe wieder von vorne nehme
und erneut putze
und hinstelle
und das nächste Paar nehme
und kaum bin ich fertig,
beginne ich wieder von vorne.

Anton kommt vorbei und schüttelt nur den Kopf,
während ich ihn
mit feurigen Augen anschaue,
aber förmlich durch ihn hindurch.

Ich kann kaum den Moment erwarten,
wo dieser Augenblick zur Wirklichkeit wird.

Es grüßt dich zärtlich,
deine Loretta.

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