Sehen
Siebenundsechzigster Brief an Tobias
Mein lieber Tobias,
es ist Nachmittag,
schon mittlerweile 16 Uhr,
und ich bin auf dem Friedhof,
wo meine Familienangehörigen begraben sind.
Wir sind eine sehr traditionelle Familie
und seit Generationen werden alle Familienmitglieder
auf demselben Friedhof begraben.
Ich habe eine schwere Gießkanne in der Hand
und sitze auf der Bank daneben
und schreibe dir.
Hier hat man Ruhe, Muße,
keiner stört einen.
Man kann sich an die Toten erinnern,
als sie noch lebendig waren,
und man gibt so den Toten die Fürsorge,
die man manchmal bei den Lebenden vergisst.
Ich merke, dass meine Strategie bröckelt,
wie ich mit dir umgehen soll.
Manchmal hörst du auf mich,
manchmal nicht,
und das macht mir Angst.
Und Angst ist wiederum etwas,
was ich hier auf dem Friedhof vergessen kann.
Ein sehr paradoxer Gedanke,
wo doch die meisten Menschen Angst vor dem Tod haben.
Aber ich liebe diese Friedlichkeit hier.
Übrigens wolltest du ja von mir wissen,
was ich so an erotischen Dingen erlebt habe,
und da muss ich dir sagen,
dass ich ja heute früh in der Sauna war,
bevor ich hierher gegangen bin.
Und ich saß in der Dampfsauna,
ich gehe dort gerne rein,
sie ist so schön mit Feuchtigkeit erfüllt,
anders als in der normalen Sauna,
wo man nur in der Hitze schwitzt.
Und dann ist es auch so,
dass in der Dampfsauna vieles im Nebel verborgen ist.
Und ich glaube, das hat auch ein Paar angezogen,
denn ich merkte,
wie beide da sitzen.
Ich glaube, sie haben mich gar nicht bemerkt,
und wenn sie mich bemerkt haben,
dann scheint es ihnen egal gewesen zu sein.
Die Frau saß nackt auf dem Schoß des Mannes
und bewegte sich langsam auf ihm.
Man musste schon sehr genau hinschauen,
um das entdecken zu können,
denn der Dampf umhüllte ja beide
und gab nur ab und zu ein Schemen frei.
Ich hörte leises Stöhnen,
ich saß still,
tat,
als existierte ich gar nicht.
Aber ich konnte meine Aufmerksamkeit nicht abwenden
und ich habe gemerkt,
dass ich selber immer feuchter wurde.
Ich glaube, ich habe sogar meinen Finger ein bisschen
an meine Klitoris gelegt
und ein wenig hin und her gerieben.
So sehr hat mich dieser Anblick fasziniert.
Zu Hause habe ich mich dann aufs Bett gelegt
und mir vorgestellt,
selbst in der Dampfsauna zu sitzen.
Und jetzt fragst du dich,
wer der Mann in der Dampfsauna
in meiner Fantasie war.
Nun, dreimal darfst du raten.
Es grüßt dich, deine Loretta.