Sehen
Siebenundvierzigster Brief an Tobias
Lieber Tobias
Ich stehe im Wohnzimmer
und wische Staub.
Antons Bücherregale
sind ein reiner Staubfänger.
Und wenn ich etwas hasse
in einer Wohnung,
dann ist es Staub.
Auf den Büchern,
zwischen den Büchern
und das Schlimme an diesem Staub ist,
kaum hast du ihn weggewischt,
wird er magisch wieder angezogen
wie ein Magnet.
Du kannst da so einen kurzen Augenblick später
wieder hingehen
und wirst sehen,
dass sich die ersten Staubkörner
wieder gelegt haben.
Anton spottet immer über mich
und behauptet,
ich hätte einen Putzfimmel.
Einen Putzfimmel,
der schon pathologisch sei,
während ich nur umso verbissener
über seine Worte
den Staub wegwische.
Aber es ist nicht nur Staub,
den ich hasse.
Ich glaube,
Putzen ist etwas,
was die Seele reinigt.
Ich weiß nicht,
ob du das kennst,
aber ich brauche dieses Ritual regelmäßig.
Und wenn es etwas gibt,
was ich hasse,
dann sind es Gefühle,
die ich nicht einordnen kann.
Das ist etwas,
was mich zutiefst beunruhigt.
Und ich glaube,
dieses Putzen,
dieses Wischen
ist ein zwanghafter Reflex,
diese Gefühle wegzuwischen.
Sigmund Freud
hätte wahrscheinlich an mir
seine Freude.
Ich wäre sein Lieblingsobjekt
an diesem Punkt.
Zwanghafte Obsession,
würde er sagen.
Und ich glaube,
es verwundert mich nicht,
wenn in meiner Fantasie
Sigmund Freud die Stimme von Anton hat.
Vielleicht habe ich auch deshalb Anton geheiratet,
weil er mich an einen Psychiater erinnert.
Vielleicht sind Psychiater
und Philosophen doch sehr wesensverwandt.
Weil der Psychiater im Endeffekt
nur jemand ist,
der über den Geisteszustand eines Menschen philosophiert.
Etwas,
was Anton mit größter Hingabe
und Liebe macht.
Und ich,
ich,
tja,
muss dich hassen,
weil du mich in eine verdammt verhängnisvolle Lage bringst,
in der ich nicht zu sein wünsche.
Weil ich Dinge fühle,
die ich nicht fühlen darf,
weil ich, wie gesagt,
in einer Ehe mit Anton stecke.
Und eine Ehe ist nichts,
was ich leichtfertig über den Haufen werfe.
Schließlich hat man sich
vor dem Standesbeamten
etwas geschworen.
Und wenn ich ein Mensch bin,
dann jemand,
der zu seinem Wort steht.
Das mag für eine Frau selten sein,
aber in diesem Punkt
stehe ich zu meinem Wort,
um es mal ein bisschen literarisch auszusprechen,
auch wenn dieses Literarische
ein abgedroschenes Zitat ist,
was du an jeder Wechselstube
für 3,50 Euro bekommst.
Du siehst,
ich schwatze hier schon dummes Zeug
und das nur,
weil ich mich in einer Lage befinde,
in der ich weder ein noch aus weiß.
Ja,
ich könnte sogar sagen,
ich verfluche dich, Tobias.
Es grüßt dich,
deine Loretta.