Sehen
Siebenundzwanzigster Brief an Tobias
Lieber Tobias,
ich weiß nicht,
ob ich es schon mal erwähnt habe,
aber ich liebe die alten Telefone.
Heute benutzt ja fast jeder ein Smartphone,
aber wenn ich mit meiner Freundin Martina spreche,
nehme ich immer den alten Telefonapparat
mit der langen Schnur und den Wahltasten.
Ich weiß nicht, wie alt dieses Gerät ist,
ich glaube über 30 Jahre,
aber dieses nostalgische Gerät macht mir Spaß,
wenn ich mit einer Freundin spreche.
Es hat ein anderes Gefühl
und man kann dabei den Finger
um die Telefonschnur wickeln,
die sich spiralförmig zum Hörer windet.
Aber das ist gar nicht der wichtige Punkt.
Das Gespräch ist gerade vorbei,
der Telefonhörer noch fast warm,
der Tee wiederum kalt,
den ich eigentlich dabei trinken wollte.
Und es war ein sehr langes Gespräch.
Anton hat demonstrativ die Tür geschlossen
und etwas von Frauengespräche gemurmelt.
Und ich bin ihm recht dankbar dafür,
dass er mich dabei in Ruhe gelassen hat.
Ich weiß nicht, ob es wirklich Takt ist
oder ob ihn meine Gespräche langweilen.
Wie dem auch sei, ich hatte Ruhe
und es ging um dich.
Interessanterweise ist dein Name
kein einziges Mal gefallen,
auch wenn es — oder vielleicht gerade weil es —
indirekt sehr wohl um dich ging.
Aber meine Freundin hat Andeutungen gemacht,
immer wieder.
Sie hat versucht, mich zu provozieren.
Sie hat mit allen Tricks und Kniffen,
über die eine Frau verfügt,
versucht,
mir irgendetwas zu entlocken.
Nun, ich habe mich auch in Andeutungen ergangen,
habe um den heißen Brei drumherum geredet,
aber immer so,
dass man mir nichts nachsagen kann.
Ich mag solche Gespräche.
Sie erfordern ein gewisses soziales
und intellektuelles Geschick.
Man spricht über etwas,
ohne es direkt zu sagen.
Das ist etwas, was zwischen Mann und Frau genauso interessant
und prickelnd ist wie zwischen Frau und Frau.
Nur sind die Spielregeln
zwischen Frau und Frau noch andere
als zwischen Mann und Frau.
Die Frage ist, warum habe ich nicht von dir gesprochen?
Schließlich sind wir ja kein Liebespaar
und es wäre also ein Leichtes,
ihr zu erzählen,
dass ich dir täglich einen Brief schreibe.
Aber manchmal ist es besser,
wenn man sich schützt,
indem man schweigt
oder die Dinge nicht beim Namen nennt
oder ausspricht.
Weil man nicht weiß,
was daraus entstehen wird.
Ein Satz, ein Wort,
ein Geständnis einmal in die Welt gesetzt,
ist schwerlich einzufangen
und man weiß nicht,
was der andere daraus macht,
welche Konflikte sich daraus entwickeln,
Verwicklungen,
die man nicht beabsichtigt oder geahnt hat.
Nun, wahrscheinlich weiß meine Freundin mehr,
als sie gesagt hat.
Und sie weiß, dass ich weiß,
dass sie weiß.
Und jetzt kommen wir
in dieses unendliche Ich-weiß-dass-sie-weiß-Spiel rein.
Aber letztendlich ist das nur Spekulation.
Keine Spekulation ist,
dass ich dir einen schönen Tag wünsche
und hoffe,
dass du ihn angenehm verbringst.
Es grüßt dich, deine Loretta.