Sehen

Siebzehnter Brief an Tobias

Loretta Baum

Mein lieber Tobias,

ich schreibe dir das hier
mit halb geschlossenen Augen
und dröhnendem Kopf,
die Vorhänge zugezogen,
ein Glas Wasser neben mir
auf dem Nachttisch.

Gestern Abend habe ich eindeutig
zu viel Wein getrunken —
rote Flecken auf den Gläsern,
zu viel Lachen,
zu laute Musik
in meinem eigenen Kopf,
der sich heute rächt.

Anton sitzt nebenan
im Wohnzimmer
und hört sich irgendeinen
philosophischen Podcast an,
als wäre nichts gewesen.

Er hat natürlich keinen Kater.
Philosophen vertragen offenbar alles.

Als ich heute Morgen
mit dem Gesicht ins Kissen gedrückt dalag,
hat er nur einmal kurz
die Tür geöffnet,
wieder zugezogen
und Sendepause geschaltet.

Das ist seine Art von Mitgefühl.

Jetzt zahle ich den Preis
für ein paar Stunden Leichtigkeit.

Der Kopf pocht, das Licht tut weh.

Und trotzdem liegt ein kleines Lächeln
auf meinen Lippen.

Weißt du, warum? Weil gestern Abend dein Name gefallen ist.

Nicht von mir — von Katharina,
die glaubt,
ich wüsste nicht,
wie man ihr Gesicht liest.

Sie hat diese bedeutungsvolle kleine Pause eingelegt
und dann ganz beiläufig erwähnt,
dass du ja angeblich...
nun ja.

Du weißt schon, wie das läuft.

Männer wie du haben einen Ruf,
und Frauen wie Katharina
pflegen diesen Ruf liebevoll,
weil er ihnen das Gefühl gibt,
besser informiert zu sein als ich.

Ich habe ihr freundlich widersprochen.

Ich habe gesagt: Wenn sich mehrere Frauen
über jemanden beklagen,
dann sollte man vielleicht weniger ihn
als sie unter die Lupe nehmen.

Wer sich überstürzt einlässt,
wer nicht fragt,
wer nicht wartet —
der trägt seinen Teil daran.

Das klingt vielleicht ungerecht.

Ich glaube trotzdem,
dass es stimmt.

Katharina hat geschwiegen.

Der Abend ist danach
noch besser geworden.

Jetzt liegst du vielleicht irgendwo
und weißt von alldem nichts.

Und ich liege hier,
mit dröhnendem Kopf
und diesem hartnäckigen kleinen Lächeln,
und denke:
Womit beweise ich dir eigentlich,
dass mir etwas an dir liegt?

Nicht dadurch, dass ich dir sage,
du seist fehlerlos —
das bist du nicht,
und du wüsstest,
dass ich lüge.

Sondern vielleicht genau dadurch,
dass ich dich für jemanden halte,
dem man Unangenehmes sagen kann.

Dem man zutrauen darf,
die Wahrheit zu ertragen.

Ich verteidige dich —
nicht weil du es verlangst,
sondern weil ich glaube,
dass du es verdienst.

Und wenn du genau hinschaust,
ist das vielleicht das Ehrlichste,
was ich dir über meine Gefühle je sagen werde.

Ich bleibe noch eine Weile liegen.

Deine Loretta.

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