Sehen
Sinnliches Erlebnis Albtraum
Jetzt wird es wahr. Jetzt gibt es kein Entrinnen mehr. Jetzt wird man Opfer eines Verbrechers, eines Mörders. Er sieht eigentlich gut aus, so als Mann. Aber er fletscht die Zähne und lacht hämisch und man sieht sich dem eigenen Ende so nah gegenüber. Und da ist noch ein Täter, auf der anderen Seite des Raumes, sie sind zu zweit, nie werde ich mich wehren können. Und da ist noch ein Opfer, meine Tochter, und wir haben keine andere Wahl als es zu versuchen. Bevor wir ermordet werden, rennen wir los, wir rennen und rennen und rennen …und ich wache auf. Es ist Mitternacht und niemand ist in meiner Wohnung, kein Mörder und keine Tochter. Aber meine Beine tun weh, sie sind total verkrampft, vom vielen Rennen?
Nach einem Albtraum zu entdecken, dass es doch nur ein Traum war, oh Glück. Eine alte Angst fällt einem ein, von der auch die Tochter an dem Tag gesprochen hatte. Die Angst vor den Wutausbrüchen ihres Vaters, denen sie alleine mit ihren Geschwistern ausgeliefert war, wenn sie nach der Trennung bei ihm waren. Wenn du wüsstest, wie oft….sagt sie an dem Tag, jetzt steht sie drüber, aber bei akuten Wutanfällen des Vaters kommt es ihr wieder hoch. Und auch ich erinnere mich an die Angst vor diesen Wutanfällen, die mich in die Flucht getrieben haben. Ich habe mich gerettet und im neuen Leben normale Männer kennengelernt. Ich habe die Kinder ihm ausgeliefert. Es tut mir plötzlich so leid, mitten in der Nacht. Ich erinnere mich an einen Anruf meines Sohnes, vielleicht war er neun oder zehn. Wir sollen unsere Zimmer aufräumen, klagte er damals. Was vielleicht zuerst zum Lachen erschien, so wird mir in der Nacht plötzlich klar, war wohl eine echte Notlage, eine Tragödie, die er nicht anders ausdrücken konnte. Es tut mir so leid.
Der Albtraum, der Licht in ein Dunkel bringt, das man bisher verdrängt hat. So lange wach bleiben, bis der Schrecken sich verflüchtigt. Aber bei jedem kurzen Einschlafen ist der Mörder wieder da, die ganze Szene. Dann langsam verzieht er sich, wird kleiner und betritt nur noch kurz die Szene. Aber das Wissen um ihn bleibt, auch im Schlaf. Ein Scheinwerfer ist angegangen und leuchtet auch tagsüber noch auf die Angst. Unsere Angst, die meiner Kinder, und meine. Wir sind jetzt zum Glück alle groß genug, um einfach zu sagen: Dieser Arsch.