Sehen
Sinnliches Erlebnis Aufmerksamkeit
Sein Gesicht ist ganz nah, ich sehe, dass er einen schmalen Bart hat, unter dem Kinn. Und große braune Augen. Dunkle Haare, voll, nach links gekämmt. Er trägt dunkle Kleidung, so wie alle Männer in dieser Kassenschlange. Es ist 18.30 Uhr und männlichen Wesen ohne weiblichen Part daheim ist aufgefallen, dass sie nichts im Kühlschrank haben. Biergarten ist heute nicht, es regnet und ein Kälteeinbruch hat den Sommer kurzfristig gekillt.
Ich habe Lust auf eine Sünde bei diesem deprimierenden Wetter, ein Eis. Nogger choc. Der kalte Schokokern schmilzt so sanft auf der Zunge. Ich trage das Eis am Stiel, quasi nahe am Mund, so als wollte ich so schnell wie möglich daran lecken.
Das stimmt. Ich komme ans Ende der Schlange. Eine Art Student mit Brille schaut auf meinen Einkauf und sagt: Gehen Sie doch vor. Er hat einen ziemlich vollen Wagen.
Ich bedanke mich entzückt, und augenblicklich werde ich weitergereicht. Von einem Kerl zum anderen, sie alle bieten mir an, doch vor sie zu gehen. Es sind einige, ich rolle wie eine dicker werdende Schokokugel an ihren Gesichtern vorbei, die verbotene Überholung einer Kassenschlange plötzlich erlaubt. Jede einladende Geste macht mich glücklicher. Ich glaube ich lächele jetzt ganz dämlich und halte das Eis immer kindischer vor meine Nase. Ich fühle mich so elektrisiert von all den zuvorkommenden Männern, höre mich ein von Herzen kommendes „Wow“ seufzen, als würde ich gerade mit Liebeserklärungen überhäuft. Ich lande unanständig nah vor diesem einen Männergesicht und spüre die grenzüberschreitende Energie, er schließt sich der allgemeinen Höflichkeit an. Ich kann nicht bei ihm verweilen, schon werde ich weitergebeten.
Am Ende stehe ich hinter einer Frau, der letzten Person in der Schlange, direkt vor der Kasse. Sie wäre jetzt dran mit Großzügigkeit. Doch sie sieht keinen Grund, mich auch vorzulassen. Sie bezahlt ihren Einkauf und wirft mir zum Abschied ein Lächeln zu.