Sehen
Sinnliches Erlebnis Chiropraktik
Nach Hause kommen als Abonnentin. Einchecken am Bildschirm am Eingang, der einen mit „Willkommen Claudia“ begrüßt. Die vertrauten Sitzplätze, auf denen heute fremde Leute Platz genommen haben. Aber sie sind nicht wirklich fremd. Sie sind jung oder mittleren Alters und im Berufsleben. Sie haben ein Zipperlein, das sie hier kurieren lassen möchten. Vielleicht ist es der Rücken bei der blonden Dame links auf dem Ledersofa. Sie schaut durch ihre Brille gerade intensiv in ihr Handy. Vielleicht ist es die Lendenwirbelsäule bei dem jungen Mann, der unschlüssig im Raum steht. Chiropraktiker C eilt herbei. Er müsse ein bisschen warten, er, C, sei heute alleine. Die Dame an der Rezeption hat frei.
Aber gerade das Warten ist ja das Sinnliche. Sich in diesen energetisch besonderen Räumen aufgehoben fühlen, die Schuhe schon ausgezogen, sehr gemütlich in Sneakersöckchen, mit den Füßen spielen, ein paar Knöchelübungen machen, einfach so, weil es sich wohlig anfühlt, und umso mehr im Sommerkleid mit nackten Beinen. Eigentlich ist es nicht so gerne gesehen, wenn man länger auf den Stühlen sitzt und die auf dem Bauch auf den Behandlungsliegen liegenden Kunden anschaut. Es scheint als mögen die Behandler nicht, dass man zuschaut, wie sie behandeln. Oder es ist etwas Intimes, sich behandeln zu lassen. Ein paar Dialoge dabei sind in der Tat privat oder auch ein bisschen intim. Aber das Mithören lässt sich auch nicht vermeiden, wenn man schon auf dem Bauch neben den Mitkunden oder Mitpatienten liegt.
Neben der blonden Dame sind noch einige groß gewachsene beeindruckende Männer da. Sähe man sie auf der Straße würde man nicht denken, dass sie ein Zipperlein haben, das sie für teures Geld privat bezahlt behandeln lassen. Manchmal ist es in der Lounge, wie sich der Behandlungsraum nennt, sehr leer und man zweifelt daran, dass dieser Ort noch lange wird überleben können. Heute aber ist es voll und man ist beruhigt, denn ohne diese drei Minuten, in denen C einem auf die Wirbelsäule drückt, bis sie leicht knackt, in denen er mit den Fingern links und rechts neben die Wirbel drückt, in denen er sagt, heb das Bein, jetzt das andere, bitte umdrehen, ohne diese drei Minuten möchte man nicht mehr leben. Drei Minuten, in denen er einem den Hals umdreht, bis es knackt, ich liebe dieses Knacken, denn es ist mein Vorbote für eine subtile Veränderung meiner Wahrnehmung. Ich sehe demnächst wieder etwas klarer. Was ich brauche, was gut für mich ist, wird plötzlich so deutlich umrissen wie Mandelkerne. Ich glaube es ist vor allem das Halsknacken, das mich neu justiert, zentriert, neue Wahrheiten zu Tage fördert, das meinen Vagusnerv stimuliert. Aber vielleicht ist es auch das Knacken der oberen Wirbel, wenn C mich umarmt und mit seinen Händen fest zudrückt. Für mich ist dieser Ort ein Ort des Glücks, in den ich dank meines Abos immer wieder kommen darf. Und der kleine kurze Smalltalk mit C und einem anderen Kunden von heute, der sich gerade auf die Liege auf den Bauch legt, erhellt mein Gemüt so sehr als ginge gerade die Sonne auf.