Sehen

Sinnliches Erlebnis Geld

Claudia Carl

Schätzchen, heute war ein guter Tag, sagt er und greift in die Kasse. Er ist ein Herr alter Schule, hat seinen Laden schon vier Jahrzehnte lang, und das uralte Kassenmodell auf dem Tresen ebenfalls. Es ist so antik, dass man es in einem Museum ausstellen könnte. Die Ziffern stellt man mit silbrig glänzenden Schaltern ein, die man hoch- und runterschiebt. Dreht man an einer Kurbel rechts macht das gute Stück ein klingelndes Geräusch, als habe es die eingestellten Beträge internalisiert und für’s Finanzamt gespeichert.
Die Schublade dieser Antikkasse lässt der Ladeninhaber immer offen. Sicherheitshalber. Sie ist so alt und könnte klemmen, womöglich könnte er den Käufern von Ray Ban und anderen teuren Brillen nicht rausgeben. Und so landen die Scheine in den Fächern, das Wechselgeld wird dem Käufer mit einem Lächeln mitgegeben, und kaum ist er aus der Tür, werden ein paar Scheinchen unter das herausnehmbare Geldfach geschoben. Am Abend kommt dann die Offenbarung. 1000 Euro als Geschenk vom Finanzamt kommen da meist zusammen, oft auch mehr. Der Ladenbesitzer ist großzügig mit seinen Scheinen. Wenn ihn am Abend seine junge Mitbewohnerin abholt, die er kürzlich in seiner Luxuswohnung im noblen Stadtviertel aufgenommen hat, dann sagt er: Schätzchen, heute ist es gut gelaufen, du kannst dir aussuchen, wo wir hingehen.
Bogenhauser Hof, nennt dann das junge Ding. Oder auch den Italiener um die Ecke. Man kennt den Ladenbesitzer dort und behandelt ihn sehr zuvorkommend. Die junge Begleiterin darf alles bestellen. Pasta mit Trüffeln, die live am Tisch darüber gehobelt werden. Immer, wenn der Kellner aufhören möchte, sagt der Ladenbesitzer: Nein, nein, machen’s noch ein bisschen mehr.
Als Aperitif Champagner, dann Wein. Zum Nachtisch einen Sambuca mit Kaffeebohnen. Und Tiramisu.
Der Abend ist noch nicht zu Ende, der Packen Scheine ebenfalls nicht.
Um die Ecke ist die Stammkneipe, in der eine junge Stewardess gerne auf der Theke Striptease macht. Je später die Stunde, desto mehr Scheinchen steckt der Ladenbesitzer in ihren Slip. Die Champagnergläser des Ladenbesitzers und seiner jungen Mitbewohnerin werden nie leer. Der Wirt füllt sie unablässig nach. Die Nacht endet früh, wenn es hell wird, und die Stewardess sich mal wieder für ihren Flug an diesem Vormittag krank meldet.
Die Scheinchen sind dann aufgebraucht, aber das ist kein Problem. Am nächsten Tag zu einer humanen Uhrzeit steht der Ladenbesitzer wieder hinter seiner antiken Kasse und sammelt Nachschub, bis ihn sein Schätzchen abholt.

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