Sehen

Sinnliches Erlebnis Hunger

Claudia Carl

Die Umgebung wird verlockender. Man spaziert durch die Stadt, die Sonne scheint, ein milder Wind weht bei 22 Grad. Eine Bewunderung steigt in einem auf, für all die kreativen Menschen, die gastronomische Einrichtungen betreiben. Große, ausführliche Tafeln stehen vor den Türen, die Speisen anpreisen. Handgeschriebene Schilder weisen darauf hin, dass sich im Hinterhof ein Biergarten verbirgt. Cafés haben gemütliche Sitzecken rausgestellt, von der Sonne beschienen, die dazu einladen, sich niederzulassen. Der süße Geschmack von Kuchen erscheint in Erinnerungsfetzen im Gehirn.
Noch sind es eher die Gedanken, die den Magen füllen mit indischem Curry oder vietnamesischen Frühlingsrollen, mit mexikanischen, scharf gewürzten Chicken Wings oder Pasta Gorgonzola, halben Hähnchen mit Kartoffelsalat oder Pizza aus dem Holzofen. Die Auswahl ist so groß in der Großstadt, dass die Entscheidung gar nicht leicht fällt, solange es sich noch nur um Appetit handelt.
Man spaziert weiter, vorbei an Dönerbuden und Thai-Restaurants, aus denen einladende Gerüche dringen, und irgendwann auf dem Weg stellt sich dieses Gefühl im Magen ein. Die Magensäfte organisieren sich, blubbern wie kleine Geysire, sie sprudeln gierig und senden Gefahrensignale aus. Wenn man jetzt nicht gleich einkehrt in einem was auch immer für einem Lokal, dann wird man von innen aufgefressen. Gierige Verdauungssäfte wollen Nahrung und die werden sie sich beschaffen, ob von außen in Form von Curry oder Pizza, oder von innen in Form von Fett.
Je mehr es blubbert und sprudelt, desto bedrohlicher wird die Lage. Man spürt förmlich die kleinen Zähnchen, die an den Oberschenkeln nagen, am Hintern und am Bauch. Die Geysire verbreiten ein Gift, das Fettzellen auflöst wie Sonne den Schnee.
Die Laune des Mageninhabers sinkt in den Keller. Wer möchte schon aufgefressen werden, bei lebendigem Leibe? Langsam fühlt es sich an, als würde eine Faust in den Magen drücken, die arbeitslosen Magensäfte verbreiten latente Übelkeit.
Doch es ist mit dem Hunger wie mit der Müdigkeit in einer durchzechten Nacht. Hat man den Höhepunkt überschritten, den Kräften widerstanden, gibt der Körper auf und mobilisiert seine letzten Kräfte. Die ja meist gar nicht die letzten sind. Zehn Kilo Übergewicht enthalten noch reichlich Energie für einen aufgebrachten Magen, ein Glas Wasser irritiert die Geysire und stoppt das Blubbern, man spaziert einfach weiter und nimmt das gastronomische Angebot jetzt als etwas Fremdes wahr. Die Schritte fühlen sich leichter an, man schwebt nach weiteren Stunden des Spazierens nach Hause, schaut auf sein Handy und sieht wundervolle Zahlen über Schrittzahl und Kalorienverbrauch.
In Vorfreude auf den morgigen Blick auf die Waage gönnt man sich eine Karotte.

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