Sehen
Sinnliches Erlebnis öffentliche Verkehrsmittel
Sind es die türkischen Laute, die besonders laut sind? Oder macht das hübsche Mädel in Begleitung zweier Hässlicher gerade einfach das, was man in Großstädten inzwischen vor allem in Bussen, U-Bahnen und Trambahnen (wie sie in München heißen) beobachten kann: einen Sprach-Auftritt.
Ein solcher besteht darin, dass Mitglieder anderer Nationen sich mit Landsleuten gerne lautstark und auffällig in ihrer Sprache unterhalten – dort, wo es viele unfreiwillige Zuhörer gibt, in Bus und Bahn. So etwa befinden sich die Mädels im Bus Nummer X 30 vom Ostbahnhof zum Harras. Andere erlebte man schon in der U 3 von Fürstenried West zur Münchner Freiheit. Oder in der Tram 25 von Grünwald zum Max-Weber-Platz. In zahlreichen anderen Öffis.
Man hört die fremden Laute, hat vielleicht inzwischen ein Talent entwickelt, sie einer Sprache zuzuordnen. Türkisch. Kroatisch. Arabisch. Persisch. Die Personen sprechen so intensiv, lange und ausführlich in ihrer Sprache, dass man sich spontan sicher ist, es handelt sich um Besucher, Urlauber, Touristen. Man bekommt schon dieses Helfersyndrom, steht quasi bereit, um ihnen den Weg zu weisen, Fragen zu beantworten, die Bedienung des Ticketautomaten zu erklären, ihnen Tipps über lohnenswerte Sehenswürdigkeiten zu geben – Englischer Garten, Schloss Nymphenburg, Partymeile in der Sonnenstraße – man spürt den gewissen Stolz, dass man Einheimischer ist, sowas wie das in aller Welt berühmte Hofbräuhaus jeden Tag besuchen könnte, auf dem Oktoberfest quasi jeden Tag rumhängt, und das Glockenspiel am Rathaus schon absichtlich ignoriert, weil man es zu oft gesehen und gehört hat.
Da switchen diese Leute plötzlich um.
Sie reden Deutsch.
Und zwar nicht so, wie man es von einem Ausländer erwartet. Sie reden ein Deutsch, das ganz offensichtlich ihre Muttersprache ist. Sie sind im Bus X30 vielleicht schon zur Grundschule gefahren, in der U3 mit 13 beim Schwarzfahren erwischt worden und in der Tram 25 mit ihrer 7. Schulklasse zur Bavaria Filmstadt gefahren.
Sie sind in München geboren und haben nur nebenbei die Sprache ihrer Eltern oder Großeltern gelernt. Anfangs hatten sie vielleicht gar keinen Bock darauf. Aber jetzt lassen sie es mal richtig raushängen. Hey, Leute, ihr wüsstet bestimmt gerne, wovon wir reden. Vielleicht von euch, vielleicht auch nur über das schlechte Mittagessen in der Schulkantine. Ihr könnt ja mal versuchen, das an unserem Tonfall zu erraten. Und im fliegenden Wechsel reden die Angeber wieder in ihrer Fremdsprache und noch ein bisschen lauter.
Das hübsche Mädchen im X30 an diesem Abend unterhält mit ihrer lauten Stimme, die gar nicht zu ihrer zierlichen Figur passt, so unüberhörbar auf Türkisch den ganzen Bus, dass man gereizt ist. Sie möchte, dass alle Zuhörer vor Neugier verrückt werden, weil sie nichts verstehen.
Wir können nicht beurteilen, ob das hübsche Mädchen vielleicht grauenhaftes Türkisch spricht, mit einem furchtbaren deutschen Akzent. Und ob es wirklich nur ein bisschen angeben will: Hey, wir sind zweisprachig, und ihr? Als die drei Mädels aussteigen, hört man jedenfalls, dass sie bayerisch angehaucht perfekt Deutsch sprechen.