Sehen

Sinnliches Erlebnis Oktoberfest

Claudia Carl

Der Duft der Wiesn, des Oktoberfestes, weht schon im Juli durch die angrenzenden Stadtviertel. Denn dann beginnt der Aufbau der Zelte, in denen es ab Ende September rund gehen wird.
Seit einigen Jahren ist man als Vorfreudiger leider ausgesperrt. Die Baustelle ist eingezäunt und wird bewacht. Früher, vielleicht vor zehn Jahren, war die Wiesn vor der Wiesn fast noch besser als das Original.
Man konnte frei hineinspazieren und sich in den Mini-Biergärten für die Bauarbeiter niederlassen, sich kostengünstig schon mal mit Hendl oder Schweinsbraten verköstigen und das berühmte Wiesn Bier trinken. Das sich natürlich auch die Bauarbeiter schon schmecken ließen.
Fast noch schöner als diese Genüsse war allerdings die Nähe zu allem, was da heranwuchs. Man konnte mit etwas Glück den Löwen, der über dem Eingang des Löwenbräuzeltes zu sitzen und dort zu brüllen pflegt, noch auf dem Boden sitzen sehen. Man konnte in die Zeltgerippe eindringen und den Holzgeruch der herumliegenden Bretter aufsaugen. Man konnte die schon leicht gebrochene Sonnenluft des Altweibersommers einatmen, die zu dieser Szenerie seit jeder dazugehört.
Als wir noch an der Wiesn lebten, im vierten Stock mit Ausblick, konnte ich vormittags sehen, wenn das Traumschiff zu schaukeln begann. Es wurde von einem kräftigen Schausteller mit einer tiefen, männlichen Stimme  betrieben. Und während ich ihm und seiner erotisierenden Stimme ausgeliefert hin- und herschwang, wurde mir klar, dass mir in meiner Ehe etwas fehlte. Dieses Angst-Bauchgefühl. Diese Erregung.
Das bunte Spektakel Wiesn reizt alle Sinne. Manche Menschen bringt es so sehr aus dem Takt, dass sie davor flüchten. Zu teuer, zu laut, zu lebensfroh. Da jetten sie lieber in ihr angestammtes türkisches Urlaubsparadies.
Im Teufelsrad konnte man früher allerlei wilde Reize erleben. Entweder indem man sich selbst auf dem schnell drehenden Rad niederließ und von Runde zu Runde weiter rausrutschte. Und die Röcke der Damen dabei nicht selten hoch. Am Mikrofon stand seinerzeit ein Herr, der sich noch Kommentare erlauben durfte, die schon lange im Gutmenschenland verboten sind. „Du schwule Ananas“ war eine seiner liebsten Titulierungen, wenn jemand bei den auf drehender Scheibe stattfindenden Boxkämpfen versagte.
Unsere kleine Erotik-Clique liebte die Wiesn-Reize. Es war lange Jahre gute Tradition, donnerstags ins Bierzelt und danach ins nahe gelegene Pornokino zu gehen. Im Dirndl ohne Slip versteht sich. Die Party mit dem Highlight, das im Zelt noch fehlte.
Die Clique zerstreute sich. Die einen tranken zu viel, die anderen zu wenig. Der Neuigkeitswert der Erlebnisse ließ nach.
Den Duft der Wiesn aber, den gibt es noch immer. Schon in wenigen Tagen werden die Zelte aufgebaut. Auch das Kino, das inzwischen den vornehmen Namen „Adel“ trägt, existiert weiterhin.
Vielleicht gibt es mal wieder einen Traumschiff-Effekt.
Ansonsten bleibt das Schwelgen in Erinnerungen.

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