Sehen

Sinnliches Erlebnis Putzen

Claudia Carl

Schmutz hat die Eigenschaft, sich zu verstecken. Man glaubt, der Grauschleier über den Badewannenkacheln sei so gedacht. Die schwarzen Rillen zwischen den weißen Fußbodenfliesen wirken wie kontrastreiches Design. Die verschwommene Sicht auf die Ecken muss wohl an den Augen liegen.
Erst wenn der Schmutz versehentlich sein Versteck verlässt, indem ihm ein Putzlappen, der eigentlich nur die weißen Fliesen wischen sollte, zu nahe kommt, verursacht er die Erleuchtung. Weitere Annäherung mit einem Schwamm offenbart, dass die schwarzen Rillen eigentlich weiß sind. Von Fliese zu Fliese bestätigt sich diese Wahrheit, die man seit Jahren nicht wahrgenommen hat. Eine Schufterei folgt, die immer mehr Weiß zutage fördert. Auch die Grauschleier Ecken hinter der Tür sind plötzlich verdächtig. In der Tat, man kann sie mit einem Lappen beseitigen. Der Verdacht, dass sich im Umfeld noch weitere vermeintliche Farbschattierungen verbergen, die sich bei Berührung als Schmutz entpuppen, keimt auf.
Aber warum hat man die Wahrheit so lange nicht erkannt? Blind für Verdunklungen jener Art hat man sie vielleicht schon mit den Blicken gestreift, sie haben sich aber ganz ruhig verhalten, wollten nicht auffallen. So wurden sie als normal betrachtet. Schon immer dagewesen. Und nun, nachdem quasi der Apfel der Erkenntnis seine Wirkung getan hat, hat man ein Problem. Mit welchen Mitteln und Materialien würde ein Nicht-Blinder diesen Dingen zu Leibe rücken? Hat man überhaupt das passende Werkzeug im Haus? Ist nicht der Feudel auch schon lange selbst etwas erstarrt, der Eimer von einem getrockneten Rand am Boden entstellt, der seine Lebensberechtigung so schnell nicht aufgibt?
Das Drogerieregal ist nicht für Schmutz-Überseher gemacht. Sie verstehen angesichts der Menge an Artikeln nichts. Wo ist denn bloß das schöne Ata, das die Mutter immer im Bad benutzte? Muss man jetzt mit Desinfektionsspray arbeiten? Wie wär’s denn mit Schimmelentferner? Wieso eigentlich nicht. Das Gute an diesem Gift, es arbeitet selbsttätig, man sprüht es einfach auf die schwarzen Rillen zwischen sämtlichen Kacheln, auf alle Porzellanteile, und alle falschen Farben lösen sich auf, werden zu wundervollem Weiß.
Nur: Die ganze Wohnung riecht danach derart vergiftet, das man sie verlassen muss. Trotz offener Fenster bleibt die Luft bis zur Rückkehr nach Stunden. Eine andere Methode wäre gewesen, auf Knien auf dem Boden herumzurutschen und mit Schwamm alles Schwarz zu entfernen. Vielleicht beim nächsten Mal.
Über der Dunstabzugshaube stehen übrigens ein paar Souvenirtassen. Sie haben sich immer unauffällig verhalten, den Betrachter angelächelt. Kürzlich hat man sie versehentlich angefasst. Ein farbloses Kleben offenbarte sich. Schon wieder so ein gutes Schmutzversteck, dem man zu Leibe rücken muss. Nein, nicht mit dem Schimmelspray.

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