Sehen

Sinnliches Erlebnis Rasieren

Claudia Carl

Das Wunderbare der Männerwelt wird hier zelebriert, vor Spiegeln und Waschbecken, mit Haarfusseln auf dem Kachelboden, mit bereitstehenden Besen. Das Wunderbare der Männlichkeit wird hier gepflegt. Das Wachsen von Haaren im Gesicht.
Wer den Raum betritt, braucht nichts zu erklären. Nicht mit Worten, nicht mit Blicken, nicht mit Gedanken, nicht mit Gefühlen, nicht mit Ausstrahlung. Hier braucht Mann sich nicht zu schämen für die Unsicherheit, die einem das Wachsen eines Bartes schon das eine oder andere Mal beschert hat. Nicht für die blutigen Schnitte, die man sich in der Vergangenheit schon zugefügt hat. Nicht für den seltsamen Anblick im Spiegel mit Resten von Rasierschaum im Gesicht. Diese wohlriechende dicke weiche Paste, die doch eher etwas Weibliches hat. Sieht es nicht so aus als würde man sich Kuchenteig ins Gesicht schmieren?
Im Barber-Shop oder auch im türkisch-iranisch-marokkanischen Pendant verfliegen alle Zweifel. An dem Zwangsritual des Entfernens der Gesichtshaare jeden Morgen, an der Sehnsucht nach einem Bart, der einen endlich davon befreit. Hier kann man alles haben, was das Männergesicht begehrt. Eine Beratung zur Glattrasur oder zum Bartstutzen, eine Hingabe an einen anderen Mann. Er lädt einen ein, den Kopf zurück zu lehnen, sich einschäumen zu lassen und dann nähert er sich mit einem Messer.
Man darf die Augen schließen und das sanfte Schaben auf der Haut genießen, dieses Wandeln auf einem gefährlichen Grat zwischen Streicheln und Schneiden. Um einen herum wabert der Geruch von Rasierwasser, wenn man aufschaut beglückt einen der Anblick attraktiver und gepflegter Männer in den Spiegeln, und man darf seine Gründe dafür haben. Erotischer Natur oder solidarischer oder vorbildhafter.
Wie auch immer man den Barber-Shop verlässt, in Richtung Schwulenszene oder in die Damenwelt, man ist gestärkt als Mann. Mann mit Bart oder mit Stoppeln, Mann mit Stolz.

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