Sehen
Sowas kommt von sowas
Sobald der letzte goldene Strahl
der Abendsonne über die Dächer
deutscher Großstädte streicht,
lösen sich aus dem Halbdunkel
großer Parkhäuser bekannter Unternehmen
vermummte Gestalten und huschen
durch die Straßen.
Sie kennen alle nur ein Ziel
und steuern es leicht taumelnd,
aber mit einer bemerkenswerten Konsequenz
an. Ab und zu tropft von diesen
nächtlichen Geschöpfen etwas Blut
zu Boden oder sie rollen
wild mit den Augen,
wenn sie ihren merkwürdig verdrehten Arm
bewegen.
Doch diese Hugo-Boss gekleideten Quasimodos
sind keine wandelnden Werbeträger
für den neuesten Horrorfilm,
sondern einflussreiche Manager florierender Unternehmen
auf dem Weg zu einem
ärztlichen Insider-Treff.
In diesen medizinischen Tempeln ausgewählter Koryphäen
wartet schon eine Schar fürsorglicher Schwestern
auf den ersten dieser geldbringenden Kunden,
denn der Grund warum es
diese Top-Elite aus Wirtschaft und Finanzwelt
zum Onkel Doktor treibt
ist genauso delikat wie kompliziert.
Es ist die obligatorische ärztliche Behandlung
nach dem Besuch in einem Domina-Studio.
Wer schon einmal das Vergnügen hatte
auf einer Streckbank zu liegen,
weiß, daß sich im Leben
nicht alles von alleine wieder einrenkt.
Auch sind nur wenige Personen so gelenkig,
daß sie sich den mit Striemen übersäten Rücken
selbst desinfizieren können.
Nein, deutsche Freizeitsklaven wollen sich
vor der eigenen Frau als erfolgreiche Potentaten
inszenieren und da paßt ein vergessenes Stromkabel,
welches aus der Harnröhre lugt,
einfach nicht ins Bild.
Und dieses kommt öfter vor als sie denken,
denn der Terminkalender dieser Workaholics
ist eng begrenzt und so bleibt meistens
nur die kurze Mittagspause als enges Zeitfenster übrig,
um wieder einmal genüßlich eine Stiefelsohle ablecken zu dürfen.
Interessanterweise, gehören hierzulande Dominas
zu den erfolgreichsten Börsenspekulanten.
Es ist eine belegte Tatsache,
daß sich eine Massenentlassung oder eine Bilanzfälschung
leichter unterschreibt, wenn sich die betreffende Konzernspitze
vorher die quälenden Gewissensbisse aus dem Leibe prügeln ließ.
Die erfahrensten Damen aus der kommerziellen Folterbranche
verfügen mittlerweile über beste Wirtschaftskenntnisse
und gelangen so ohne großen Kraftaufwand
an geheimste Firmeninfos,
wenn sie ein wenig die Daumenschrauben anziehen.
Unvorsichtigerweise nehmen die meisten Mandanten
diese Art der Beichte auf die leichte Schulter,
da sie sich nicht vorstellen können,
daß Frauen das launische Verhalten der Börse begreifen,
wo sie doch selbst dazu nicht in der Lage sind.
Wenn sie wüßten, das ihre Herrin
mit der einen Hand einen Einlauf setzen
und mit der anderen gleichzeitig eine SMS
an ihren Börsenmakler abschicken kann,
müßte dies bei ihnen einen masochistischen Über-Orgasmus auslösen.
Wie man munkelt, sollen alle Peitschenträgerinnen
ihre Start-Up-Aktien rechtzeitig und sogar
mit einem leichten Gewinn verkauft haben.
Aber das ist nur ein Gerücht.
Fest steht dagegen, das abends Ärzte
aus zerknautschten und jämmerlichen Gestalten diskret
wieder respektable Größen der Old Economy und Politik basteln.
Der Hinweis, daß Ärzte über überdurchschnittlich viel Aktienpakete verfügen,
dürfte nicht weiter verwundern.
Doch die Frage, warum Ärzte den Job
des Folterknechtes nicht selber übernehmen,
ist durchaus berechtigt.
Keiner kennt sich mit der menschlichen Anatomie besser aus,
als die Halbgötter in Weiß
und all die Bohrer, Zangen und Messer
dürften sich bestens für eine Lustsession eignen.
Der Hauptgrund dafür ist simpel
und nicht von der Hand zu weisen.
So ist es einer Krankenkasse sehr schwer vermittelbar,
daß es zu der Therapie,
den geknebelten und mit einer schwarzen IKEA-Kerze im Hintern versehenen Patienten
drei Stunden lang in eine Tiefkühltruhe zu sperren,
keine Alternative gibt.
Doch die Behandlung eines Schockes beispielsweise
infolge eines Stromschlages im Genitalbereich
ist abrechnungstechnisch überhaupt kein Thema
und wird von jeder privaten Krankenkasse anerkannt.
Sollten sie also finanzielle Probleme haben
und eine revolutionäre Abneigung gegen die gutbetuchte
und dekadente Großbourgeoisie verspüren,
dann kann ich ihnen nur empfehlen,
ein eigenes Dominastudio zu gründen.
Dort können sie diese Kapitalistenschweine ganz legal zusammenschlagen
und diese Idioten zahlen mit dankbaren Blick
auch noch ein fürstliches Honorar.
Wenn sie dagegen mit sich und ihrem Leben zufrieden sind,
kann ich ihnen nur zurufen:
Bleiben sie anständig, moralisch und sauber
und grüßen Sie mir alle die Sie barfuß treffen.