Sehen

spätrömisches Künstlerleben

Luiz Goldberg

Lasst uns die leere Kasse als Thron betrachten,
ganz im Geist der verarmten Boheme,
mit einem Klumpen Margarine auf dem Hartz-IV-Stempel
und einem warmen Aldi-Bier in der Hand.
Wir haben ja nichts als diese endlose Freizeit,
die uns wie ein fauler Hund um die Beine streift,
während wir an unseren schlaffen Teilen herumfummeln
und uns einreden, das sei pure Lebenslust.

Wir sind die Dichter der Pleite,
unsere Verse entstehen aus dem Nichts,
inspiriert vom dröhnenden Katerkopf
und dem Echo leerer Taschen.
Mit dem Finger tauchen wir in die weiche Fettmasse,
zeichnen Kreise auf dem Küchentisch,
nennen es Kunstinstallation,
während die Rosette zuckt im Rhythmus
des billigen Techno aus dem kaputten Lautsprecher.
Die Prostata hämmert wie ein defekter Wecker,
im Takt der Jobcenter-Termine,
die wir eh verschlafen.

Wir ejakulieren in die Staubflusen unter dem Bett,
rufen es revolutionäres Statement,
unsere Orgasmen sind auf Pump,
subventioniert vom Staat,
der uns für faul erklärt und doch füttert.
Lasst uns zelebrieren, was wir haben:
den Duft von abgestandenem Bier,
den Geschmack von Margarine auf der Zunge,
die uns gleiten lässt in verbotene Sphären,
ohne teure Gleitgele aus dem Sexshop.
Hier ist alles bio, billig und spontan,
ein Frühstück, das in Ekstase mündet,
während der Kalender weiß bleibt wie Schnee
auf dem ungeheizten Balkon.

Wir nesteln weiter an uns herum,
philosophieren über den analen Kick,
der uns hochjagt wie ein illegales Feuerwerk,
ohne Schwangerschaftsrisiko, ohne Reue.
Die Prostata als heimlicher G-Punkt,
der pocht und pulsiert,
wenn der Finger eintaucht in die warme Masse,
und wir brüllen nicht „Igitt, schwul!“,
sondern schnurren wie Katzen im Sonnenschein.
Wir sind die Hedonisten der Unterklasse,
unsere Ekstase kommt aus der Dose,
staatlich abgesegnet,
bis der nächste Bescheid eintrudelt
und uns mahnt: Selbst die Lust hat Grenzen.

Doch bis dahin tanzen wir weiter,
lassen die Rosette kreisen zu Discounter-Beats,
malen mit Margarine Manifeste an die Wand,
die niemand liest, außer dem Kater am Morgen.
Wir feiern die Leere, die Freiheit,
das Nichtstun als höchste Kunstform,
ejakulieren in die Void,
und nennen es Unabhängigkeit.
Lasst uns trinken auf die Pleite,
auf den Koks, der nie kommt,
auf die Orgasmen, die subventioniert sind,
bis der Tag endet in schnarchender Stille.
Wir haben Zeit, unendlich viel,
um zu vergeuden, zu genießen,
zu vergessen, dass morgen dasselbe wartet.
Prost auf uns, die letzten Kaiser der Armut,
mit Margarine als Krone und Bier als Zepter.

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