Sehen
Sperma-Magie
Sie war eine Jungfrau
mit Kind.
Obwohl vielleicht Tampons
ihr Hymen schon frühzeitig
zerstört hatte.
Und dann der Frauenarzt
mit seiner Gerätschaft.
Es geschah, als sie auf die 47 zuging.
Da spürte sie plötzlich
diesen Kinderwunsch.
Alt werden ohne Nachkommen,
das erschien ihr auf einmal
tragisch, einsam, elend.
Sterben, ohne dass ein Teil von ihr
noch auf der Welt existierte.
War dann nicht alles
umsonst gewesen?
Es ging ihr nicht so sehr
um Pflege im Alter.
Das würden Profis übernehmen,
die sie notfalls gut bezahlen konnte.
Sie war ja wirklich wohlhabend.
Ihr jahrelanger Job als Einkäuferin
für eine deutsche Firma im Ausland
hatte sich finanziell gelohnt.
Eine Eigentumswohnung in Berlin
war schon dabei herausgesprungen,
und keine schlechte.
Nicht etwa eine dieser abgewrackten Altbauten
in Kreuzberg, nein,
es war ein Neubau
nahe dem Potsdamer Platz.
Sehr chic, 12. Stock,
Dachterrasse.
Sie hatte sie jahrzehntelang vermietet,
an eine junge Frau.
Weil sie weiterhin im Ausland herumreiste
und ihr Geld vermehrte.
Dann war da dieser Tag in Thailand.
Die Sonne schien, das Essen im Strandlokal schmeckte,
die Besprechung mit der hiesigen Firma
war gut gelaufen.
Da sah sie diesen Mann,
eindeutig ein Europäer,
vielleicht ein Deutscher.
Er saß zwei Tische weiter,
mit einer thailändischen Frau.
Und zwei Kindern, sichtbar Produkte der beiden.
Der Mann war hässlich,
nach deutschen Maßstäben.
Groß, übergewichtig,
Glatze,
ungepflegter Haarkranz.
Aber er hatte sich fortgepflanzt.
Zwei Menschen würden um ihn trauern,
wenn er tot war.
Würden an ihn denken,
vielleicht nicht immer glücklich und zufrieden
mit seiner Erziehung,
aber sie würden an ihn denken.
Denn jeder Mensch beschäftigte sich ausgiebig
mit seiner Herkunft.
An sie würde keiner denken.
Ihre Eltern wären dann längst tot,
Geschwister hatte sie keine.
Einen Mann sowieso nicht.
Sie würde einfach von der Bildfläche verschwinden,
und aus.
Ihr wurde heiß, von einer Sekunde auf die andere.
Waren das schon Hitzewallungen?
Kam sie bald in die Wechseljahre?
Eine Art Panikattacke überfiel sie,
völlig unerwartet.
Am Abend im Hotel googelte sie Samenbanken.
Einen Mann hatte es in ihrem Leben
noch nie gegeben.
Warum, wurde sie manchmal gefragt.
Ihr war einfach keiner begegnet.
Es hatte sie keiner umworben.
Oder hatte sie es übersehen?
Vielleicht fehlte ihr einfach
die entsprechende Gehirnzelle,
die auf Werbeversuche von Männern reagierte.
Oder sie war zu herb
für die Männerwelt.
Kein Weibchen.
Eine Karrierefrau, mathematisch begabt,
erfolgreich.
Vielleicht hatte sie einfach immer
andere Prioritäten gehabt.
Ans Geld gedacht, an Aufstiegsmöglichkeiten.
An Reisen.
Es gab ja so viel an das man denken konnte,
abseits von Männern.
Oder sie war asexuell.
Sie spürte keinen körperlichen Reiz
beim Anblick von Männern.
Auch nicht in der Nähe von Frauen.
Und dann der Gedanke,
das Bett mit jemandem teilen zu müssen.
Jetzt mal ganz praktisch.
Sich nicht drehen und wenden können,
wie man wollte,
vielleicht ein Schnarchen im Ohr haben müssen.
Den Geruch eines anderen.
Wie schön, dass es die praktischen Samen-Einkaufszentren gab.
Sie suchte sich ihren Erben
sorgfältig aus
anhand von Kinderfotos
von Samenspendern.
Intelligenz, Größe,
Haarfarbe.
Alles konnte man sich ganz pragmatisch zusammenstellen
und sich die Mischung aus eigenem und fremdem Erbgut
unkompliziert einsetzen lassen.
Die Schwangerschaft war unkompliziert.
Nur beobachtete sie zunehmend
eine neuartige Eigenschaft an sich.
Ihr fielen Männer auf.
Es war, als tauchten sie aus einem Nebel,
gewannen Konturen
und drängten sich in ihr Gesichtsfeld.
Es war als habe das Sperma in ihrem Körper
ihre Wahrnehmung,
ihr Wesen verändert.
Nach der Geburt des lang ersehnten Sohnes
fehlte ihr immer noch etwas,
etwas, das sie nicht genau benennen konnte.
Sie war eine Jungfrau mit Kind.
Nicht normal.
Hatte sie noch Zeit,
das zu ändern?