Sehen

Spiel mit einer Sphinx

Ferdinand Freiherr von der Ferne

Er sieht die Sphinx
in ihrem Gesicht.

Die ihr Opfer allein schon
mit ihrem Blick paralysiert.

Sie liegt auf dem Bauch,
den Oberleib aufgerichtet,
der Blick lauernd
und nur vermeintlich träge
– wie der einer Raubkatze –
kurz bevor sie zuschlägt.

Ihr Körper beginnt zu vibrieren,
was er nicht sehen kann,
da diese Vibrationen innerlich stattfinden.

Sie schaut ihn, diesen schönen Mann an,
mit dem sie gleich…

aber sie tut jetzt noch nichts,
sie verharrt starr,
wie gebannt
und schaut ihn nur weiterhin an.

– Keineswegs ist sie sein Typ –
der Typ Frau den er bevorzugt.

Allzu schlank ist sie,
und ihre Brüste scheinen ihm viel zu klein.

Die Korsage zeigt keinerlei Rundes.

Doch die Beine, in den halterlosen Nylons,
die gefallen ihm gut.

Es sind keine dünnen Beine –
sie sind –, genau richtig.

Der winzige schwarze Slip
verbirgt noch das,
was ihn in besonderem Maße interessiert.

Aber es ist ja genügend Zeit.

Bei diesem Gedanken läßt er sich
nach hinten auf das Bett fallen.

Dabei öffnet sich sein seidenes Hemd
unter dem er nackt ist.

– Weiß er was er tut?
Weiß er daß er ein gefährliches Spiel spielt?

Es gibt eine Lust auf das Erlebnis der Angst,
auf den Zusammenbruch,
der ein Zurück zum Ursprung
zu seinem Selbst bedeutet.

Eine Sphinx hat scharfe Krallen
und ist undurchschaubar,
weil sie nie eindeutig,
sondern zweideutig ist.

Ein Zwitterwesen – halb menschlich,
halb animalisch.

Voll von raffinierten Lüsten
und von Schrecken.

Und diese hier zudem:
intellektuell und triebhaft.

Die dunkle Macht der schönen Frau
hat ihn angezogen –
hat ihn hierhergezogen,
und so umklammert sie ihn
hemmungslos und leidenschaftlich
um seinen Leib.

Preßt ihn an sich und leckt in seine Halsbeuge.

Spürt er sein unentrinnbares Schicksal?

Spürt er, daß sie ihn gleichzeitig
zum Liebhaber
und zum Opfer machen wird?

Ja, solange ihre Leidenschaft
in Flammen steht,
wird sie ihn festhalten.

Dann aber – wird sie ihn vielleicht einfach
skrupellos fallen lassen.

Spürt er das?

Spürt er, daß er unentrinnbar verloren ist,
daß er unmittelbar bedroht ist
von ihrer Lust,
mit ihren schwarzlackierten Fingernägeln,
tiefe Wunden
in sein Männerherz zu reißen?

Nein, er spürt nur,
daß er hoch erregt ist
von der Erotik und Schönheit
dieses Grauens
das ihn nicht losläßt.

Er ist ihren geilen Vernichtungstrieben ausgeliefert –
er hat sich willentlich ihr ausgeliefert.

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