Sehen

Stillleben im Regen

Claudia Carl

Sie trägt ein bunt geblümtes Sommerkleid und hochhackige, helle Sandalen. Neben sich auf die Stuhllehne hat sie eine Handtasche gelegt. Die scheint leer zu sein, das rote Kunstleder mit geflochtenen Streifen ist zerknautscht.
Die Dame ist vielleicht Anfang 40. Sie hat sehr lange schwarze Haare, die auf ihrem Rücken hinter die Stuhllehne fallen. Sie sitzt regungslos da, an einem der Tische des kleinen Italieners „Tosto“ an der belebten Haltestelle. „Italian Café“ steht auf einem dunklen Schild über dem Verkaufsfenster, an dem man Pizzastücke erwerben kann. Man kann aber auch in den schmalen Schlauch des engen Restaurants hineingehen und sich an einen der hohen Tische an einer Wand auf einen Barhocker setzen. Und sich von Begrüßungen und Komplimenten auf Italienisch begießen lassen.
Die Dame hat einen Tisch draußen gewählt. Obwohl es angefangen hat zu regnen, bleibt sie regungslos sitzen, wie eine Statue. In der rechten Hand hält sie eine Cappucinotasse, den Zeigefinger durch den Henkel geschoben, die Tasse auf Höhe ihres Mundes. Man erkennt keine Flüssigkeit mehr in dem Gefäß. Eine leer getrunkene Wasserflasche steht ebenfalls auf ihrem Tisch. Sie ist die einzige Person an den fünf kleinen Tischen auf dem Gehsteig, den Kopf hat sie schief gelegt.
Sie sieht sehr traurig aus.
Obwohl rund um sie herum Unruhe herrscht, wirkt sie still. Wie in dieser Position eingefroren. Schaut man nur sie an, könnte man meinen, sie säße in einem Café mit Blick auf einen See, mit Bergpanorama in der Ferne, das zum Träumen einlädt. Dabei befindet sich ihr Platz hinter den beiden Wartehäuschen der Haltestelle. Eine Trambahn nach der anderen fährt vorbei, Busse halten, sind zu voll, Gedränge entsteht, fahren wieder ab. Autos hupen, Trambahnen klingeln, weil Fahrzeuge auf den Schienen halten. Menschen in Sommerkleidern suchen Schutz vor dem Regen, die Weitsichtigen haben einen Schirm dabei. Genervte drängeln sich unter die Dächer der Wartehäuschen oder in die Hauseingänge.
Kann es wirklich sein, dass das kleine Blätterdach über der Dame den Regen von ihr fernhält? Oder ist sie einfach so weggetreten, dass sie nichts davon bemerkt? Es ist 9 Uhr morgens. Wieso sitzt sie um diese Uhrzeit in ihrem hübschen Ornat so traurig im Café?
Hat ihr Liebhaber sie heute früh rausgeworfen? Hat ein One Night Stand ihr keine Handynummer hinterlassen? Ist sie arbeitslos, muss das vor ihrem Mann verbergen und hat deshalb früh das Haus verlassen? War sie beim Arzt und hat eine schlimme Diagnose erhalten? Wartet sie auf jemanden? Hat sie die Sommernacht durchgemacht und muss sich jetzt mühsam mit Kaffee wachhalten? Man möchte sich zu ihr setzen, ihre mysteriöse Aura genießen und vielleicht etwas über sie herausfinden. Doch dann klatscht der Regen plötzlich wolkenbruchartig herunter. Man muss in einen Hauseingang flüchten, schaut sich wenig später wieder um.
Die Cafétische sind leer.

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