Sehen

Strohwitwer

Claudia Carl

Grüße vom Strohwitwer.
Wenn er das schreibt
bei WhatsApp,
weiß ich,
was es geschlagen hat.

Seine Gattin ist außer Haus,
mal wieder
auf Familienbesuchen
bei der großen Verwandtschaft,
und er ist allein zu Haus.

Dann macht er einen Schwanz-Tag.
Und sehr gerne
hat er jemanden,
in diesem Falle mich,
der dabei ist,
jedenfalls verbal
via WhatsApp.

Der Schwanz-Tag beginnt
mit Nacktheit,
im Sommer gerne
im Garten.

Ein Foto des Gartens
wird mitgeschickt
zwecks der besseren Anschaulichkeit.

Ein Blick in einen grünen Garten,
niemand kann ihm zuschauen.

Aber nicht vielleicht doch
eine Nachbarin
aus dem Haus da hinten?

Und wenn, dann findet er das
sicher reizvoll.

Der Schwanz bekommt dann
viel Aufmerksamkeit.

Er wird gestreichelt
und gewichst
den ganzen Tag.

Ich bin derweil in meiner anderen Stadt
in meinem Alltag,
lese immer
wenn ich Zeit habe,
den aktuellen Stand
der Orgie.

Manchmal sind Stunden vergangen
und ich denke,
der hat schon
dreimal abgespritzt.

Nein, er hat es immer noch vor sich,
trinkt mal gemütlich
ein Glas Rotwein
und schreibt an mich.

Ich bin jedes Mal bass erstaunt
über die Geduld des Mannes,
okay,
er ist über 70,
aber dass er sich
über Stunden DAVOR
aufhalten kann,
ohne die Geilheit zu verlieren.

Ich bekomme dann immer wieder einmal
kleine verbale Ergüsse
zu lesen,
manchmal ein wenig metaphorisch.

Latte Schäumt
Wie macchiato
Ohne Zucker
Kopfkino
Macht mich an
Koste es aus
Vorfreude

Ich: „Aber jetzt?“ Nein, noch nicht

Einmal habe ich eine ganze lange Zugfahrt
vom Norden der Republik
bis in den Süden
den Schwanz-Tag begleitet.

Zum Glück schickt er mir
keine Fotos,
nur einmal,
auf ebendieser Zugfahrt,
poppt plötzlich
ein steifes Riesenteil
mit feuchter Pforte
auf meinem Bildschirm auf.

Sorry, Versehen.
Adrenalinschock
im Abteil.

Nein, er schreibt mir
seit zehn Jahren
nicht nur
über seine Schwanz-Tage.

Dazwischen geht es um Literatur,
Konzerte,
die Enkelkinder,
das Ende des Berufslebens,
um erotische Gedichte,
und manchmal auch ums Alter
und die ein kleines bisschen
nachlassende Manneskraft.

Um Urlaube am Meer und Fahrradtouren,
um Schwimmrekorde
und Frühsport-Disziplin.

Wir hatten auch schon Streit
via WhatsApp.

Blockiert. Gelöscht.
Per Email neu kontaktiert.

Es geht um Ankündigungen:
Nächstes Jahr komme ich dich besuchen.

Es geht um Nähe und Distanz.

Es ist eine moderne virtuelle Beziehung.

Grüße vom Strohwitwer.

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