Sehen

Submuskeln

Claudia Carl

Er kann brutal und zart.
Erst kommen seine Augen zur Tür rein,
die schauen mich groß an.

Dann sagt er meine Daten,
die er wohl gerade irgendwo abgelesen hat,
denn er ist heute zum ersten Mal bei mir eingeteilt.

Ja, dann legen Sie sich am besten mal auf die Seite.
Ach nein,
lieber auf den Bauch.
Und ziehen Sie mal die Hose aus.

Ich ziehe die Hose aus
und krieche auf die Behandlungsliege.

Er zupft meinen Slip nach unten
und zerrt an weiteren störenden Kleidern.

Können Sie diese Hose noch ausziehen?
Währenddessen versucht er das Kleidungsstück nach oben oder unten zu schieben.

Das ist ein Rock, kläre ich ihn auf,
Sie können ihn einfach hochklappen.

Das sind die Submuskeln der Hüfte,
klärt er mich kurz und pragmatisch auf
und beginnt,
meine Hinterbacken zu massieren,
mit einer angenehmen Menge Öl.

Erst die eine Seite,
dann die andere,
dann sticht er unvermittelt auf gewisse Stellen,
er kennt da keine Gnade und hat Kraft.

Auf der linken Seite brauche ich nur den Atem anzuhalten,
auf der rechten schreie ich die gesamte Anlage zusammen,
sein Finger bleibt eiskalt auf dieser horrend schmerzenden Stelle,
und bleibt und bleibt,
während ich keuche.

Nach einer Weile fragt er,
ganz sanft und zart:
Ist es besser?

Es ist tatsächlich besser.

Er legt wohl etwas Öl nach auf seine Hände
und widmet sich jetzt ausgiebiger Hinterbackenmassage.

Mal links, mal rechts,
ich zähle im Geiste die Minuten,
die von der Krankenkassenzeit noch bleiben,
weil es mich verdammt noch mal anregt.

Wenn er wüsste, was ich die ganze Zeit denke,
aber der Verdacht liegt nahe,
dass er das auch denkt.

Er massiert und massiert so wunderbar
und es gelingt ihm,
die Backen nicht auseinanderzuziehen,
aber doch ansatzweise den Eindruck zu erwecken,
als würde er dies tut,
es ist jedes Mal eine verdammte Aufregung
und meine Gedanken sind eindeutig,
während seine Hände einfach so zupackend gut tun.

Endlich kommt der Moment,
in dem er die Liege runterfährt,
mich bittet aufzustehen
und ein paar Schritte zu gehen.

Sie werden das spüren,
kündigt er an,
in den nächsten Tagen,
vielleicht bekommen Sie auch blaue Flecke.

Ich spüre es schon eine halbe Stunde später,
als er seine Rolle als Wassergymnastik-Vorturner wieder einnimmt
wie schon die letzten vier Wochen.

Bisher war er für mich nur ein sportlicher Hampelmann am Beckenrand,
aber jetzt sehe ich ihn plötzlich durch einen Schleier aus Honigmilch.

Als er mir eine Schwimmnudel reicht,
grinse ich ihn so aufgeweicht blöde an,
dass ich mich noch währenddessen hasse.

Während der gesamten Wassergymnastikstunde verstecke ich mich in einer Ecke des Beckens,
um ihn nicht anschauen zu müssen.

Seine Hände, wie er die Finger spreizt,
und verdammt,
er hat sinnliche dicke Lippen,
seine Haare sind abrasiert,
wie würde es sich anfühlen,
diesen Kopf …Nein verdammt,
hör auf damit,
er ist wirklich nicht dein Typ,
aber sein kraftvolles Rumspringen am Beckenrand,
wie er sich rein hängt in sein Vorturnen,
er ist eigentlich doch wahnsinnig attraktiv,
sogar sein etwas schiefer Gang,
wie er nach der Stunde rausgeht.

Und wenn es sich ergeben sollte,
wieso dann eigentlich nicht.

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