Sehen

Tagtraum

Ferdinand Freiherr von der Ferne

Driftet es ab?
Bricht etwas heraus
aus dem Zusammenhang?
Was bricht nicht alles heraus
aus dem Zusammenhang –
der Lebenskette,
des Geschehens,
des Bewußten und Unbewußten,
des Wirklichen und des Unwirklichen.
Nicht mehr so recht wahrnehmend
was es bedeutet
ein Mensch zu sein,
ein Mensch mit eindeutigem Geschlecht.
Was es aber bedeutet,
den bloßen Trieb
der Fixation auf das Weibliche
zu verspüren!
Die Einsamkeit,
inmitten der überfüllten Fußgängerzone,
tat ihm gut,
stimmte ihn außerordentlich nachdenklich.
Fußgängerzonen in großen Städten
im Hochsommer.
Windstill,
wenig beachteter Sonnenschein.
Vom Straßencafé aus
konnten seine Blicke
sehr weitschweifig sein.
Er setzte sich an einen Tisch
und genoß diese überraschend
bequeme Sitzmöglichkeit
des Korbstuhles
mit Lehne
und weichem Sitzkissen.
Augenblicklich sackte er tief hinein
und schaute
auf das sommerliche Treiben.
Das menschliche Ameisentreiben
das sich zeigt,
hat keine kollektive Motivation,
Nation ist einfach Nation –
jeder für sich,
jeder treibt für sich,
für sich allein.
So dachte er.
Im aufregendem Strom
des Menschengesellschaftslebens,
in dem ganz andere Gesetzmäßigkeiten herrschen
als wie in einem Ameisengesellschaftsleben.
Jeder für sich.
Mit sich.
Hier drückte sich ihm
ein absonderlich gedankliches Triumvirat
des Weiblichen auf:
Sein Auge,
sah all die weiblichen Körper,
die sein Lust-orientiertes Triebwerk
aus der Gesamtmenge
für ihn herausfilterte –
im Zusammenspiel von Gedanken
über die Faszination
seiner Beziehung zu ihr.
Und dem dumpfen,
immer gleich tickendem Gefühl
für den Istzustand
seiner langjährigen,
monogamen Ehe-Partnerschaft.
Wie Elektronen um einen Atomkern,
so umkreisten diese drei Sichtweisen,
diese drei Auffassungen,
diese drei Zustände
sein Verhältnis zum Weiblichen.
Sie kreisten,
sie rotierten,
in unterschiedlichen Schwingungen
und Geschwindigkeiten;
teils kollidierend,
unmotiviert,
ziellos.
Nicht mehr ziellos wurden jetzt
seine Blicke,
begannen konkreter zu werden.
Doch was waren ihm,
was galten sie ihm,
die vielen und abervielen weiblichen Körper,
die seine Augen ansahen,
nachsahen?
Aus der treibenden Leute-Menge?
Hier war das gesamte Angebot,
das ganze Depot,
in allen Größen,
Ausmaßen,
Farben,
Altersschichten und Gewichten –;
wildgemischt an äußerer Verpackung,
bishin zu ihren sämtlichen Werten.
Gut;
er konnte Ausschau halten,
sich Eindrücke verschaffen,
über das,
was sich derzeit
auf dem abendländischen Weiblichkeitsmarkt bot.
Probieren?
Einmal kosten?
Oh nein!
Er hätte zwei Ewigkeiten
darauf warten können.
Er saß allein
an seinem Cafétisch.
Nichts böte sich ihm –
und niemand böte sich ihm an.
Diese Frauen,
insbesondere diejenigen,
die ohne Begleitung unterwegs waren,
schienen stets
den Geradeausblick zu üben;
und diejenigen,
die zudem über ein gewisses Maß
an Hübschheit verfügen,
diese hielten dabei
ihre hübschen Nasen
noch über das Durchschnittshochmaß.
Sein Blick fokussierte gerade eine –
so dachte er –
stolz tuende –, dralle Rothaarige.
Mit ihrem hübschen Gesicht
und ihrem luftigen Sommerkleid
der neuesten Mode,
schritt sie durch die Menge,
als gälte ihr
das andere Geschlecht
rein gar nichts.
Sie schien nur für sich dazusein,
für sich
und ihr Gefühl
ihrer eigenen Eitelkeit.
Ein leichter Anflug von Ärgerlichkeit
kam ihn an.
Über die so ernstgespielte Borniertheit
einer solchen zur Schau getragenen Herablassung.
Doch was hat sie
für einen herrlichen,
prallen Hintern,
mit starken Hüften
und Schenkeln –, und diese strammen Brüste!
Wie sie sich wohl anfühlen mögen
wenn man da mal reingreift?
Wie sie wohl riechen...? –
Er schwebte schon längst mit ihr
im zweiten Erotikhimmel,
in dem ein imaginäres Vorspiel
zelebriert wird,
das ein einziges Vortasten und Fühlen,
Befühlen und Befingern ist,
verwoben mit dem Lecken,
Belecken von gesuchten Körperregionen,
mit dem Riechen,
dem Einsaugen
der so genüßlichen Gerüche des Anderen.
So präsentiert die rassige Rote ihm
in gebückter Stellung
ihre großen runden Hinterbacken,
die er mit seinen Handflächen
und Lippen liebkost,
da er ihr zuvor das Kleid hoch,
den weißen Slip aber,
heruntergezogen hatte.
Und während er sich
an das lustvolle Werk heranmacht –
seine Hände halten fest
die starken Hüften
der drallen Roten,
die weit hörbare Stöhnlaute ausstößt –,
dreht sich ihr Kopf,
neigt sich aus der nach vorn gebückten Stellung
ihr ganzer Oberkörper zu ihm hin,
schaut ihn an
und ist plötzlich seine Adelheid,
und nicht mehr die Rote,
nein,
seine blonde Ehefrau Adelheid,
die ihn anfeuert
seine lustvollen Stöße
ihr heftiger zu verabreichen.
Und in wutbetonter Ekstase
steigert er sich mehr und mehr
in die schweißnasse Hitze
ihrer Forderung.
Gibt es tatsächlich sexuelle Psychosen
mit unheimlichen,
oder süßen Visionen?
Wird ihm ein sexueller Geniestreich gespielt?
Denn es ist Sie,
Sie steht jetzt bei ihnen –,
direkt vor Adelheid,
und beginnt,
sich zu ihr herunterbeugend,
da sie sich noch
in ihrer gebückten Stellung verhält,
zu küssen.
Adelheids Kopf reckt sich dabei stark
zu ihrem Gesicht hoch.
Er ist weiterhin lustvoll bemüht.
Doch dann,
nach einigen Augenblicken danach –
ist er dieser hocherotischen Situation
nicht weiter gewachsen:
Ihn überkommt es,
nur wenige Momente später –
und sehr heftig.
Von einer solchen Beeilung
war doch keine Rede!
Warum diese überschäumende Überstürzung?
Wie spät ist es?
Ihre Einladung –, ja,
Ihre Einladung zu dieser gewissen Party –
einer verbotenen wahrscheinlich –
nicht zu spät kommen,
bloß nicht!
"Noch ein Bier?"
Die Kellnerin des Straßencafés,
eine ältere,
aber nicht unhübsche Südländerin,
tickte ihm leicht
mit zwei Fingern
an die Schulter.
War er hier am Tisch
kurz eingenickt?
„Ja, bitte!“
Peinlich berührt,
denn seine rechte Hand lag noch
auf der sich erst jetzt wieder abschwellenden Stelle
seiner Hose,
setzte er sich wieder halbwegs aufrecht,
und wischte sich
die dicke Speichelspur weg,
die sich an seinem Mundwinkel heraus gebildet hatte.
Manche Lehnstühle solcher Straßencafés
waren aber auch zu bequem.

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