Sehen
Tänzelschwein
Er kommt uns meist
auf der Brücke entgegen.
Wir sind drei Mädchen
auf dem Weg
von der Schule nach Hause
beziehungsweise zum Bahnhof.
Vor dort fahren wir zurück
in unser Dorf.
Der Mann ist groß und dick
und trägt immer
einen Trenchcoat mit Gürtel.
In einer Hand eine Aktentasche.
Die rechte Hand aber
hat er frei.
Er hat dicke Finger.
Und acht von zehnmal,
die wir uns begegnen,
schnipst er mit den Fingern.
Genau vor meinem Gesicht.
Warum hat er mich ausgewählt?
Ich habe es nie herausgefunden.
Nach einigen Malen habe ich meine Freundinnen gebeten,
mich in die Mitte zu nehmen.
Er geht knallhart durch uns durch,
schnipst vor meinem Gesicht.
Zweimal von zehnmal aber
fasst er an meinen Arsch.
Im Vorbeigehen streift er meine hellblaue dünne Hose.
Wir gehen weiter und drehen uns nicht um.
Er kommt jeden Mittag,
wenn wir um 13 Uhr Zug gehen.
Genau auf der Brücke.
Vielleicht arbeitet er
jenseits der Brücke
und hat Mittagspause
und geht nach Hause.
Wenn ich alleine bin,
gehe ich nicht
an der Straße entlang,
sondern einen versteckten Weg.
Aber auch der führt
auf die Brücke,
und wieder kommt er dort entgegen.
Schnips, grabsch.
Ich fahre mit dem Bus
zum anderen Bahnhof,
um an einer anderen Haltestelle einzusteigen.
Meine Fahrkarte gilt nicht bis dort,
der Schaffner erwischt mich.
Meiner Mutter sage ich nicht,
warum ich das getan habe.
Sie will mir kein Geld
für die teurere Karte geben.
So geht es weiter, immer weiter,
jeden Tag.
Immer ich.
Weil er so seltsam wippt
auf seinen altbackenen Schuhen,
nenne ich ihn Tänzelschwein.
Es klingt mutig.
Da kommt wieder das Tänzelschwein sage ich,
wenn wir ihn sehen.
Es nützt nichts, er fasst an meinen Arsch.
Wenn ich zu Hause in meinem Bett liege,
stelle ich mir vor,
was er mit mir machen würde.
Er würde mich einfach ausziehen
und an intimen Stellen anschauen.
Anschauen. Anschauen.
Dann habe ich ein erregendes,
befreiendes Angst-Lust-Gefühl.
Eine gewisse Angst macht Lust
und ist zugleich unheimlich.
Bis heute.