Sehen

Tassen Wahnsinn

Claudia Carl

Meine Schränke und Regale
quillen über von Tassen.
Ich möchte aufräumen,
entrümpeln,
sie rausbringen
in unser Tauschhäuschen
auf dem Hof des Wohlblocks,
wo man alle loswerden kann,
was man nicht mehr braucht.
Und anderes mitnehmen.

Aber die Tassen sind leider
nicht nur Tassen.
Jede von ihnen erzählt
eine rührselige Geschichte.

Kroatien. Das steht auf einer von ihnen,
in den entsprechenden Landesfarben.
Mein junger Liebhaber,
der tatsächlich auch im 19. Jahr
noch für mich da ist,
hat sie mir einmal
aus einem Urlaub dort mitgebracht.
Er war dort mit einem Spezl,
wie der Bayer sagt.

Zwei Männer im Sommer in Kroatien,
sie saßen unter freiem Himmel
in einem Strandlokal,
bei 30 Grad plus,
und schauten die halbnackten Kroatinnen
und Touristinnen an.
Die haben in der Tat
sehr wenig an,
was bei der Hitze naheliegend ist.

Es sind kleine Fetzen von Stoff
am Unterkörper
und Ähnliches weiter oben.
Sie staksen in Highheels
an der Strandpromenade entlang
und ich weiß,
wie mein Liebhaber
und sein Spezl
sich dabei amüsieren.

Sie benutzen dann wenig schmeichelhaft Sprache,
nach dem Motto
„Schau mal, die Alte da“
und „Die hat ja null Arsch in der Hose“
oder „die Fette muss sich noch in kurze Hosen zwängen.“

Ich mag diese Unverschämtheit,
selbst wenn er zu mir sagt:
„Du hast echt nen Arsch beinander“.

Mein Liebhaber ist nicht
von der freundlichsten Sorte,
und das gefällt mir.
Ich bekomme von ihm regelmäßig
kleine und größere Adrenalinstöße,
allein verbal.

Dafür hat er auch kein Problem damit,
wenn ich hysterisch bin.
Er hat meine Wechseljahre überlebt,
ohne ein einziges Mal
mit der Wimper zu zucken
über mein Theater,
Geflenne,
Gegreine
und Geschrei.

Als es abgebbt war,
fragte er sogar:
„Wieso heulst du gar nicht mehr?“

Und dieser einmalige Grobian
denkt im Kroatienurlaub
mit seinem Spezl
angesichts der halbnackten Weiber daran,
mir eine Tasse
als Mitbringsel zu kaufen.

Ich könnte es nie übers Herz bringen,
sie wegzugeben.

Dann die Tasse vom Oktoberfest vor 20 Jahren.
Mein damaliger verheirateter Liebhaber
hatte sich bequemt,
mich tatsächlich dort zu treffen.

Wir standen an der Kaffeebar
vor dem Käferzelt,
er hatte sich losgeeist
von seinem betrieblichen Ausflug
in diesem Zelt,
um mich kurz zu beruhigen.

Dazu hatte er mir am Herzerlstand gegenüber
ein Riesenherz
mit der Aufschrift „Ich liebe dich“ gekauft,
mir beim Weinzelt
zwei Champagner spendiert
und dabei immer nebenbei
mit den Blondinen rundum geflirtet.

Er wollte mich eigentlich dort verabschieden,
um zurück zu seinem Firmentisch zu gehen,
aber ich wollte ihn unbedingt begleiten.

Sicher hatte er Panik,
dass eine seiner anderen Liebhaberinnen
aus der Firma
ihn sehen könnten.

Schnell kaufen wir noch
zwei Cappucino
an der Außenbar des Käferzeltes.

Dann verschwand er wieder nach innen,
nachdem er seine Tasse abgegeben hatte.
Ich behielt meine als Souvenir.

Das Herz habe ich ihm
wenig später in Wut
und absichtlich zerbrochen
an der Pforte seines Unternehmens abgegeben.

Trotzdem, die Tasse muss bleiben.
Sie wegzugeben wäre ein böses Omen.

Dann die Tasse aus dem Cafe Tortoni in Buenos Aires.
Mariano,
meine Kurz-und Spontanliebe in dieser Stadt,
hatte ich zwar nicht dort getroffen,
aber sie erzählt trotzdem
von der wunderbaren Nacht,
die ich mit dem Inhaber
eines Tango-Lokals verbrachte.

Wobei der Sex nachts um 4 Uhr
nicht das Wunderbarste war,
eher seine Komplimente:
Que linda, que linda…….
wie schön wie schön.

Wir schliefen in einem Dachzimmer
seines Hauses,
ich war mit in sein Taxi gestiegen.

Morgens begrüßte mich seine Mutter
mit zwei Bussis auf die Wange.

Dann musste er verreisen
und wir sahen uns nicht wieder.

Obwohl ich seine Telefonnummer hatte
und es versucht habe.
Aber Mama sagte,
er sei für zwei Wochen in Miami.

Wo ich die Telefonnummer gelassen habe,
weiß ich nicht mehr.

Aber die Tasse aus dem Tortoni
mit dem abgebrochenen Henkel
versperrt seit Jahr und Tag Platz
in meinem kleinen Küchenschrank.

Das sind nur drei von bestimmt 20
eigentlich überflüssigen Tassen
in und auf meinem Schrank,
auf dem Regal im Schlafzimmer,
auf der Fensterbank im Schlafzimmer.

Ich möchte aufräumen,
aber ich kann einfach nicht.

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