Sehen
Teenie
Ich bin 13 Jahre alt
und es wird Frühling.
Meine Freundin im Haus gegenüber
hat einen Schminktisch.
Man kann den Deckel aufklappen,
dann sitzt man vor einem Spiegel.
In dem zum Vorschein kommenden Fach
befinden sich Lidschatten
und kleine Stäbchen
mit weichem Ende,
um sie aufzutragen.
Es gibt auch Lippenstifte
und Make Up.
Bevor wir losziehen irgendwohin
ins Dorfleben,
sitzen wir an diesem Tisch
und fühlen uns ganz erwartungsvoll.
Ich liebe diese Freundin
und ihren Wohnort.
Es ist eine Gärtnerei.
Immer stehen und duften überall Blumen
und kleine Bäumchen.
In einem Jahr hat ihr Vater
neben dem Haus
ein ganz großes Feld
voller hoher,
intensiv riechender Blumen angepflanzt.
Wenn ich nur wüsste,
wie sie heißen.
Ich erinnere mich an Blüten,
die aus kleinen Röhrchen
zu bestehen schienen,
die sich um eine Mitte gruppierten,
in verschiedenen bunten Farben.
Sie gehen mir bis zum Bauch
und wenn ich zu Besuch komme,
streife ich ein bisschen
durch das Feld.
Es macht mir ein solches Glücksgefühl,
in den Duft einzutauchen,
der so vielversprechend ist.
Ich erinnere mich an meine große Trauer,
als das Feld abgeerntet ist,
und als es im nächsten Jahr
nicht wieder angepflanzt wird.
Es war mir doch vorgekommen
wie etwas,
das gerade begonnen hatte,
etwas,
das in meinem Leben
immer weitergehen würde,
etwas Wunderschönes.
Etwas Sinnliches, das mich umgibt und schützt.
So gerne hätte ich den Vater der Freundin gebeten,
es wieder und wieder anzupflanzen,
jedes Jahr,
es wirkt so unendlich
und so groß.
Aber er streift immer nur schweigend umher,
seine gelockten Haarreste
um die Glatze
nach hinten gekämmt.
Hinter dem Blütenmeer
steht ein Gewächshaus.
Die Gewächshäuser liebe ich auch sehr.
Die Wärme, die einen empfängt,
wenn man hingeht,
und eine Feuchtigkeit in der Luft.
Die sorgsam aufgereihten Pflanzen darin
scheinen sich wohl zu fühlen,
sie werden so gut versorgt.
Sie stehen in kleinen Töpfen
und entfalten ihre Blätter
über der Blumenerde.
Einen Raum in der Gärtnerei liebe ich
seit meiner frühesten Kindheit besonders:
den Arbeitsraum.
In diesem liegen unzählige grüne dünne
und biegsame Drähte,
mit denen man Kränze
und andere Gebinde herstellt.
Es herrscht eine unfassbare Freiheit
im Haus meiner Freundin:
Wir dürfen immer in diesem Arbeitsraum spielen,
dürfen die Drähte zu Tieren formen,
die herumliegenden Zweige
und Blumenreste verwenden.
Der Arbeitsraum ist ebenerdig
und man kann aus den Fenstern herausklettern.
Dann ist man hinten gleich
auf einem kleinen Spielplatz
mit Sandkiste.
Einmal sehe ich dort,
wie Roswitha aus dem Dorf
sich bückt
und ihren nackten Hintern rausstreckt.
Und meine Freundin schaufelt ihr
mit einem leergegessenen Eisstiel
Sand in die Ritze.
Hinter dem Sandkasten
geht die Gärtnerei
noch endlos weiter.
Erdige Wege führen zwischen Gewächshäusern hindurch.
Ich finde es paradiesisch.
Auch im Haus ist noch das Freiluft-Flair.
Wenn ich hineingehe,
immer ohne zu klingeln
und meistens unbeobachtet,
gehe ich durch einen Gang
hinter den Laden,
den sie auch haben.
Der Gang ist halb drinnen,
halb draußen,
vom Gefühl her.
Und immer kühl.
Ich gehe einfach hindurch
und dann die Treppe hoch
ins richtige Haus
und hinein ins Zimmer meiner Freundin.
Ganz selbstverständlich,
als wäre ich dort auch zu Hause.
Wir telefonieren auch oft,
aber nicht,
um um Erlaubnis zu bitten,
vorbeizukommen.
Ihre Nummer ist 364,
meine 283.
Wenn wir uns in ihrem Zimmer schminken,
hoffe ich,
dass an diesem Tag
etwas Aufregendes passiert.
Etwas mit Jungs.
Etwas Schönes.
Vielleicht ein Kuss.
Vielleicht ein Tanz.
Vielleicht die Frage:
„Willst du mit mir gehen?“
Wir gehen auf die Burschenkirmes,
durch die Tür ins Zelt,
und dann stehen wir vor der Bar
und sind umgeben von Jungs und Männern,
die Biergläser in der Hand haben.
Bald habe ich auch eins in der Hand
und werde sehr müde.
Oder wir gehen in den Jugendclub
in der Alten Schule.
Leider ist das Schminken oft für die Katz.
Es passiert gar nichts Aufregendes.
Und wir ziehen mit unserem Lidschatten
wieder ungeküsst ab nach Hause.
Doch das Rad hat begonnen,
sich zu drehen.
Und morgen schminken wir uns wieder.