Sehen

Thrombosestrumpf

Claudia Carl

Er hat einen leichten Herzmund,
der immer etwas offensteht.
Es scheint,
als wundere er sich über etwas,
vielleicht über sich selbst.

Er wirkt verwirrt, wenn er durch die Gänge huscht,
seine Augen bleiben an meinen kleben.
Ich spüre einen Funken überspringen,
direkt an meine empfindliche Stelle.

Er braucht etwas, ganz dringend.
Aber wie soll er es hier finden?

Seine Aufgabe besteht in Dienstleistungen
an alten, versehrten Menschen.
Doch das lässt ihn nicht gleichgültig.

Er spürt eine Möglichkeit hier,
eine viel größere Möglichkeit
als draußen im wahren Leben.
Er ist noch nicht entschieden,
diese zu nutzen.
Es ist zu offensichtlich.

Er steht im Schwesternzimmer,
wie versehentlich dort.
Ein einziger Blick
kann ihn verunsichern.

Er ist nur eine Nebenerscheinung hier im Alltag,
er taucht kurz auf,
verschwindet wieder.
Es gibt keine Möglichkeit,
ihm näher zu kommen.

Er läuft die Gänge entlang,
trägt Unterlagen herum,
vielleicht kocht er Kaffee
für die Belegschaft im Pflegezimmer.

Ein Praktikant. Ein Diamant,
der aus der Ferne schimmert.

Man sollte die Gedanken sein lassen.
Ihn einfach ignorieren,
wenn er mal wieder überraschend auftaucht.

Wozu das leichte Prickeln auf der Haut,
das er aussendet.
Es bringt einen nur durcheinander.

Dann der Morgen, 6.15 Uhr.
Von draußen hört man schon Stimmen,
die Pflegekraft kommt,
um uns Auserwählten
die Thrombosestrümpfe anzuziehen.

Erst das Plastikteil
zum besseren Hochziehen,
dann den beige farbenen Inbegriff
der Nicht-Sexykeit.

Fertig für den Tag im Reha-Bunker.

Die Tür geht auf. Der Herzmund steht vor einem.

Man liegt auf dem Bett,
mit nackten Beinen,
nur einem Slip an
und einem BH.

Der Praktikant schaut erstaunt,
man lächelt ihn an.

Er nimmt die bereit liegenden Sachen,
schiebt das kühle grüne Plastik
auf den Fuß.

Dann fasst er den beigen Strumpf
mit beiden Händen,
zieht ihn nach oben,
sein Handgelenk kommt in Reichweite meiner Hände,
ich packe es,
schaue ihn an.

Sein Herzmund zittert.
Er spricht gar kein Deutsch.

Ich lege seine Hand auf meinen Slip,
ziehe sie mit dem Stoff herunter.

Lege meinen Finger auf meine Lippen.
Pssst,
es geht ganz schnell.

Ich schiebe seine blaue Pflegerhose hinunter,
er trägt eine wunderschöne jugendliche Unterhose.

Er schiebt sie selbst hinunter,
hervor kommt sein Massagegerät.

Ich lege mich zurück,
auf den Rücken,
er führt sein Massagegerät in mich ein,
es vibriert,
er vibriert,
drei, vier Bewegungen hin und her,
er pulsiert in mir.

Draußen die Stimme seiner Kollegin.

Er zieht sich an, geht ohne Worte.

Ich beende die angefangene Lust
mit meinem Finger.

Morgen um 6.15 Uhr wieder Thrombosestrumpf.

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