Sehen

Todesstoß für jedes Kompliment

Charles Haiku

Sie liegt da,
das Licht der Nachttischlampe malt goldene Streifen auf ihre Haut,
ihre Augen funkeln erwartungsvoll.

„Sag jetzt was Sinnliches“, haucht sie,
„sei spontan, verwöhne mich mit einem emotionalen Satz.“

Ihre Lippen sind leicht geöffnet,
als warte sie auf einen dieser Sätze,
die in Frauenzeitschriften als ultimative Liebeswaffe verkauft werden.

Ich schaue sie an,
suche nach Worten,
die nicht schon tausendmal abgenutzt wurden,
und spüre, wie sich in meinem Kopf eine leise Panik breit macht.

Alles, was mir einfällt,
klingt plötzlich wie aus einem schlechten Liebesroman.

„Deine Augen sind wie zwei dunkle Seen, in denen ich ertrinken möchte“ –
igitt, das hat schon mein Großvater zur Oma gesagt,
bevor er ihr die Margarine aus dem Kühlschrank holte.

„Dein Körper ist ein Tempel“ –
nein, das klingt nach Yoga-Kurs und Weihrauch.

„Ich könnte dich stundenlang nur anschauen“ –
wahr, aber langweilig.

Und „Du bist die schönste Frau der Welt“ –
das sagt jeder Idiot,
der gerade seinen Schwanz in sie stecken will.

Die Wahrheit ist:
Komplimente sind tot.
Sie haben sich totgelaufen wie alte Schlappen.

Früher, als Männer noch Ritter waren
und Frauen in Burgen saßen,
funktionierte das vielleicht.

Da reichte ein „Euer Antlitz ist holder als der Morgenstern“
und schon fiel die Dame in Ohnmacht –
vorzugsweise direkt ins Heu.

Heute?
Heute weiß jede,
dass „Du hast einen Wahnsinnskörper“
nur die Einleitung ist für
„Darf ich ihn jetzt endlich anfassen?“

Ich liege da,
starre an die Decke
und merke,
wie die Stille zwischen uns schwer wird.

Sie wartet.
Ich warte.
Mein Hirn liefert nur noch Recycling-Material.

„Deine Brüste sind wie zwei reife Melonen“ –
nein, das ist Obstsalat.

„Dein Arsch ist so knackig, den könnte man fotografieren“ –
klingt wie ein Casting für die nächste Porno-Seite.

„Ich liebe es, wie du lachst“ –
sicher, aber gerade lacht sie nicht,
sie guckt eher genervt.

Plötzlich wird mir klar:
Das Kompliment ist nicht tot,
weil es keine schönen Worte mehr gibt.

Es ist tot,
weil wir alle wissen,
dass Worte nur Verpackung sind.

Sie will nicht hören, dass sie schön ist.
Sie will spüren, dass ich sie will –
ohne diesen ganzen verbalen Vorlauf,
ohne diese peinliche Suche
nach dem einen Satz, der alles sagt.

Also sage ich nichts.

Ich beuge mich einfach vor,
küsse sie genau dort,
wo der Hals in die Schulter übergeht,
genau an der Stelle,
wo man den Duft der Haut wirklich riecht.

Kein Wort.
Nur Lippen, Zunge, ein leises Knurren.

Sie stöhnt auf –
nicht weil ich etwas gesagt hätte,
sondern weil ich endlich die Klappe gehalten habe.

Manchmal ist das größte Kompliment
die Stille, die man mit Taten füllt.

Der Rest ist sowieso nur Gerede.
Und das weiß sie jetzt auch.

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