Sehen
Trauer und Glück
Sehr verehrtes Publikum!
Heute wenden wir uns
einer Frau zu,
die einen sehr interessanten Text geschrieben hat,
der da heißt:
„Du bist die Stimme".
Es ist Rose Ausländer.
Und sie spricht einen Fremdling an.
Das ist ein sehr interessanter Punkt.
Und man fragt sich:
reflektiert sie ihr eigenes Ausländer-Sein,
das sie im Namen trägt,
und wendet sich deshalb an einen Fremdling,
der vielleicht auch ein Ausländer ist?
Nun, wir wissen es nicht.
Was wir wissen ist,
dass sie zu ihm sagt:
Ich liebe dich,
den ich nicht kenne.
Und hier taucht schon
ein interessanter Konflikt
und Widerspruch auf.
Wie kann man jemanden lieben,
den man nicht kennt?
Liebe entsteht ja aus dem Kennen.
Oder meint sie vielleicht Verliebtsein?
Verwechselt sie Liebe
mit Verliebtsein?
Sie sagt weiter: „Du bist die Stimme,
die mich betört.
Habe dich gehört,
ruhend auf grünem Samt."
Nun, wir können an dieser Stelle
den grünen Samt ruhig straff interpretieren:
das heißt,
sie sieht einen Fremden im Park,
in der Öffentlichkeit.
Wagt vielleicht nicht,
ihn anzusprechen,
sieht ihn.
Und ist von ihm fasziniert –
von der Äußerlichkeit.
Vielleicht eine schöne Person,
aber sie hört seine Stimme;
sie muss sich also relativ nah
bei ihm befinden.
Und jetzt kommt etwas sehr Dramatisches.
Sie spricht in ihren letzten Zeilen:
„Du Glocke des Glücks
und der unsterblichen Trauer"
– und hier offenbart sich
etwas sehr Interessantes.
Sie verknüpft das Glück
mit der Trauer.
Und man fragt sich,
warum?
Wenn sie ihn anspricht,
ist er abweisend?
Oder was löst diese unsterbliche Trauer
in ihr aus?
Glaubt sie, ihm nicht genügen zu können?
Ist er verheiratet?
Warum glauben Menschen,
wenn sie das Glück gefunden haben,
dass es ihnen…
nicht zusteht?
Ist das vielleicht der tiefste Konflikt –
die Schicksalsbestimmung,
nie im Fühlen Glück zu fühlen,
doch in Trauer zu verfallen?
Wahrscheinlich ein Konflikt,
den mehr als nur die Autorin hegt.
Und darum für viele nachzufühlen ist.
Ich für meinen Teil
würde mir wünschen,
dass die Autorin das Glück noch fand –
aber dann wären wir wahrscheinlich
um ein paar lyrische Zeilen ärmer.
Denn es ist häufig das Unglück,
welches zur Poesie anregt.