Sehen

Tresengespräch

Ferdinand Freiherr von der Ferne

Jeffrey hing mal wieder
in seiner Stammkneipe
am Tresen ab.

Und Vinzenz Knapp, der Barkeeper,
der auch so ne Art Kumpel
von Jeffrey war,
stand hinter dem Tresen
und spülte und trocknete Gläser.

Jeffrey hatte schon
einige Whiskys intus
und mit Blick auf
sein leeres Glas
schaute er Vinzenz an,
zeigte mit seinem rechten Zeigefinger
darauf
und ließ seine raue Stimme hören:
„Hey Vinz,
mach mir noch ein.“

Der Keeper schaute Jeffrey,
der auf einem Barhocker hockte,
gelangweilt an
und meinte nur:
„Hast nicht schon genug,
Jeff?“

– „Nein Mann, ich nehm noch einen,
mir ist da gerade so´n Gedanke gekommen,
den will ich mit dir noch teilen
– und vielleicht noch ne Frage dazu –,
dann verdrück ich mich.“

– „Ok Jeff, dann schieß mal los.“

Und schon holte Vinzenz
eine Flasche Schottischen hervor,
schraubte sie auf
und goß Jeffrey ein.

– „Vinzenz, mir geht da gerade was
im Gehirn rum…
da ging gerade so ne Tussi
auf der Straße,
direkt hier vor der großen Scheibe
– an deiner Scheiß-Kneipe vorbei.
Die war mächtig aufgedonnert –,
und leicht bekleidet,
wie man so schön sagt.

Und es ist ja schon lange dunkel,
also,
wenn das meine Alte wäre
– oder meine Tochter oder so –,
der täte ich´s glatt verbieten.

Ja und da kam mir dann
der Gedanke.
Diese Frau soll jetzt auch nur
als Beispiel für meinen Gedanken herhalten.

Also, so eine Frau,
die so aufgedonnert daherläuft,
mit einem heißen kurzen Rock,
leichter, offener Bluse,
wo ein Mann die ganze gutgebaute Frauenkontur
zu sehen bekommt –;

damit sagt sie doch
ganz deutlich
– nicht mit Worten,
aber mit dem was sie gerade zeigt:
„Hey Süßer,
schau her,
ich bin eine attraktive Frau,
mit mir ist gut zu vögeln!“

Ja, es ist genau dieses Signal,
was sie überdeutlich sendet,
stimmt´s Vinz?“

– Der Barkeeper nickte nur zustimmend.

– „Aber ein Signal aus der Sicherheit heraus.
Der Sicherheit,
gemäß unserer kulturellen und sozialen Gesetze
und Gepflogenheiten
– und –
des Friedens,
den wir seit so vielen Jahren hier haben.

In Kriegszeiten, oder in Zeiten der Anarchie
– Bürgerkrieg,
Revolution oder sowas,
wäre es unmöglich für eine Frau
derartige Signale aufzuzeigen,
hab ich nicht Recht,
Vinz?

Denn dann ist der Mensch,
der Mann,
eine Bestie
ohne ein Verhalten
was wir jetzt menschlich nennen.

Unvorstellbar-vorstellbar.
Was sagst du dazu,
Vinz?

Was sind wir eigentlich
für ne verkackte Kulturgesellschaft
– soziale Gesellschaft.

Ich sag dir Vinz, wir sind noch nicht besonders weit gekommen
in unserer menschlichen Entwicklung!“

– Vinzenz hielt sich sehr knapp,
indem er sagte:
„So ist es nunmal.“

Und schon hatte Jeffrey
seinen letzten Whisky runtergekippt,
stand damit auf,
ging auf die Tür zu
und verschwand
im Dunkeln des Abends.

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