Sehen
U-Bahn-Bettelei
Die U-Bahn rattert durch den Untergrund,
Linie 7,
von einem Rand der Stadt
zum nächsten,
und irgendwo zwischen den Stationen
mit den neonbeleuchteten Namen
steigt dieser Typ ein,
den keiner registrieren will.
Er schleift sich rein,
Körper irgendwie zerknittert,
als hätte das Leben ihn
zu oft in die Waschmaschine
gesteckt,
bei zu hoher Temperatur.
Er murmelt was vor sich hin,
eine Litanei aus Bruchstücken,
und der ganze Wagon
zieht sich zusammen wie ein Muskel:
Augen kleben an Bildschirmen fest,
Finger scrollen hektisch,
Unterhaltungen werden plötzlich intensiv
über nichts.
Aus der Sicht einer,
die da sitzt
mit ihrem Rucksack zwischen den Knien,
vielleicht zwanzig,
vielleicht älter,
die denkt an ihren Alten
zu Hause,
der hustet sich die Lunge
aus dem Hals,
und sich trotzdem nicht traut,
hochzugucken.
Sie schämt sich innerlich,
dass sie einfach starrt
auf ihre Schuhe,
die abgewetzt sind
von all den Wegen,
die sie nicht gehen will,
und fragt sich,
ob ein Blick was ändern würde,
oder ob das nur wieder
diese Schuld hochkocht,
die sie eh schon
mit sich rumschleppt
wie einen vollgepissten Beutel.
Nebenan der Anzugtyp,
der tippt auf seinem Phone rum,
rechnet im Kopf blitzschnell durch:
Ein Euro, zwei,
was soll’s,
ändert das irgendwas
an dem Scheiß da draußen?
Er fühlt kurz in der Tasche nach
dem Kleingeld,
das klimpert wie ein Vorwurf,
und lässt es dann doch stecken.
Besser so,
denkt er,
sonst kommt der nächste,
und der übernächste,
und plötzlich ist der ganze Wagon voll
mit solchen Geschichten,
die man nicht hören will,
weil man ja selbst genug hat
mit den Raten für die Wohnung
und dem Chef,
der einen fertigmacht.
Die Frau mit dem Kind
auf dem Schoß
zieht den Kleinen ran,
als könnte das Elend da vorne
abfärben wie Schmutz
auf frisch gebügelter Kleidung.
Sie flüstert dem Jungen was ins Ohr
über die nächste Station,
wo sie aussteigen,
und ignoriert das Gemurmel,
das durch den Wagon sickert
wie Abgas.
In ihrem Kopf dreht sich alles
um die Einkäufe später,
um das Abendessen,
das nicht anbrennt,
und um die Angst,
dass so was auch mal ihnen passieren könnte,
wenn das Geld knapp wird
oder der Job weg ist.
Der Junge mit den großen Kopfhörern,
der pumpt sich Bass in die Ohren,
sieht den Eindringling gar nicht richtig –
oder hat es sich abgewöhnt,
hinzugucken.
Er nickt im Takt,
starrt aus dem Fenster
in die schwarzen Tunnelwände,
die vorbeifliegen wie vergessene Leben,
und denkt an die Party später,
an die Pills,
die vielleicht auftauchen,
und daran,
wie geil es wäre,
einfach abzutauchen
in was Lautes,
das alles übertönt.
Zwischendrin sickern die Fetzen
von dem Mann durch:
Der Sturz damals auf der Baustelle,
wo alles begann,
der Rücken,
der nicht mehr wollte,
die Tabletten,
die nicht halfen,
die Kumpel,
die sich verpisst haben
einer nach dem anderen,
weil Krankheit eben eklig ist
und niemand Zeit hat
für sowas.
Die Wohnung,
die weg war,
die Nächte auf Bänken,
der langsame Slide in den Dreck,
wo man nicht mehr bettelt,
sondern nur noch vor sich hinredet,
weil das Reden beweist,
dass man noch da ist,
irgendwo in dem Chaos.
Am Hauptbahnhof quält er sich raus,
die Türen quietschen zu,
und der Wagon atmet aus,
als hätte er die Luft angehalten.
Die Leute richten sich auf,
die Gespräche laufen weiter
über den neuesten Bullshit,
die Blicke heben sich wieder,
als wäre nichts gewesen.
Die mit dem Rucksack guckt ihm noch kurz nach
durchs Fenster,
wie er da humpelt auf dem Bahnsteig,
und fragt sich,
ob das heute Nacht hochkommt,
wenn sie allein ist,
ob sie dran denken wird
an das Gemurmel
und die gebückte Gestalt.
Wahrscheinlich nicht,
denkt sie,
während die Bahn anfährt
und alles wieder verschwindet im Tunnel,
als ob nichts gewesen wäre,
als ob die Stadt einfach weitermacht
mit ihrem Gewimmel,
und einer mehr oder weniger
unsichtbar bleibt.